Laternen im Glaszeitalter

 

 

Ein zeitkritisches, philosophisches Gedicht in freien Versen (politische Gegenwartslyrik) – von Andreas Manousos

14.März 2026

Es wohnen heut’ in hohen Türmen
die Herren unsrer Gegenwart,
nicht mehr mit Purpur, Helm und Krone –
doch ebenso von Rang und Art.

Sie heißen Rat, Direktion, Komitee,
Verwalter nüchterner Vernunft,
und sprechen ruhig von Stabilität,
von Sicherheit und Zukunft.

„Wir schützen euch“, so klingt es wieder,
„vor Chaos, Zweifel und Gefahr.“
Und während sie die Welt erklären,
wird sie zugleich erklärbar rar.

Die Macht erscheint nun ohne Zepter,
in Formeln, Zahlen, Diagramm;
sie nennt sich schlicht Sachverstand –
doch spricht sie immer gleichen Stamm.

Doch wie schon unter alten Kronen
gedeiht sie dort am allerbesten,
wo viele glauben, was man sagt,
und wenige die Gründe testen.

Nicht nur das Handeln wird verwaltet,
auch Deutung wird zum Hoheitsland:
Wer sagt, was wahr ist, setzt die Grenzen,
in denen Denken sich noch fand.

Denn wer die Wörter ordnen darf,
der lenkt auch, was als Wirklichkeit gilt;
und wer den Sinn der Dinge schreibt,
bestimmt, was sichtbar bleibt – und fehlt.

So wächst ein stiller Anspruch weiter:
nicht nur Gehorsam, nicht nur Rat –
man strebt nach jener letzten Hoheit,
die über Denken selber wacht.

Ohne Zeichen des Tieres, so mahnt uns die Schrift,
kann keiner mehr kaufen, was Leben verspricht.
Die Zahl auf der Hand oder Stirn wird dir auferlegt,
und wer sie nicht trägt, wird vom Markt weggefegt.

Auf Athens staubigem Marktplatz
stand einst ein Mann und fragte nur –
so lange, bis Gewissheit knirschte
wie Sand im Zahn der klugen Uhr.

Er wusste nichts – und zeigte gerade
dadurch, wie Denken Freiheit schafft.

Und durch die Gassen jener Stadt
ging einer mit erhobnem Licht,
am hellen Tag, durch Stimmenmeere,
und suchte Menschen – fand sie nicht.

Ein anderer schrieb von einer Höhle:
von Schatten, die man Wahrheit nennt,
wenn keiner sich zur Sonne wendet,
die jenseits aller Bilder brennt.

So wechseln nur Gewänder, Titel,
nicht aber der Mechanismus Macht:
Aus Schwertern wurden Argumente,
aus Mauern wurde Denkkraft-Wacht.

Man lenkt mit Zahlen, Deutungsrahmen,
mit Furcht vor Krise, Krieg und Not;
und nennt es kluge Vorsicht nur,
wenn man den Zweifel selbst verbot.

Das Volk indes – gelehrt und müde
vom Strom der Nachrichten und Licht –
verneigt sich oft vor großen Worten
und merkt die alten Muster nicht.

Es klatscht, wenn man ihm freundlich sagt,
dass Ordnung Freiheit sichern muss,
und hört im eigenen Beifall kaum
den Anfang leiser Schlossgeräusch.

Denn Macht wächst selten aus Gewalt –
sie wächst aus Übung im Applaus;
kein Herrscher steht je ganz allein:
sein Publikum baut ihn erst aus.

Doch tiefer noch, im unsichtbaren
Nervensystem der Datenwelt,
vermessen kalte Kartographen
den Raum, in dem dein Denken fällt.

Dort ordnen stille Rechenwerke
die Wetterlage des Bewusstseins,
verschieben Strömungen von Gedanken –

Gedanken.

Und leise wächst der alte Traum
von lückenloser Übersicht:
dass kein Gedanke ungeprüft,
kein Schritt mehr ohne Raster bricht.

Denn wer die Muster vorhersieht,
der lenkt den Weg, bevor er geht;
so wird aus Wissen langsam Macht –
die jede Abweichung versteht.

Und manchmal flackert kurz ein Licht
im Rauschen dieser Netze auf –
kein Feuer, keine alte Lampe,

nur ein Moment –

klarer Lauf.

Dann steht sie wieder, diese Frage:

Wer denkt für dich?

Und wem gehört dein Geist,
wenn selbst der Weg deiner Gedanken
im Schatten großer Rechenwerke
schon lange vor dir
verzeichnet steht.

Andreas Manousos

 

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