Wenn Heinz Kleber an den 9. November 1989 zurückdenkt, fällt ihm ein, dass er die denkwürdige Nachricht über die Reisefreiheit der DDR-Bürger, gestammelt von Politbüromitglied Günther Schabowski, und gesendet im DDR-Fernsehen, überhaupt nicht für voll genommen hatte. Damals arbeitete der Bautzener im Fortschritt-Werk Singwitz als Zerspaner und hatte Frühschicht. Da hieß es, früh um 4 Uhr raus aus den Federn. An jenem 10. November wunderte sich Heinz Kleber, dass um diese frühe Uhrzeit hinter den Fenstern schon so viele Fernseher flimmerten. Also schaltete auch er das Gerät ein und erfuhr so, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Unter den Kollegen sei die Maueröffnung dann das Tagesgespräch gewesen, gearbeitet wurde nicht viel.  Manche seien dann sehr schnell zu einer Stippvisite in den Westen aufgebrochen. Heinz Kleber übte sich noch in Geduld und startete erst Anfang Dezember mit dem Zug in Richtung Hof. Mit im Schlepptau war auch der 84-jährige Opa. Schließlich wurde das Begrüßungsgeld an alle ausgezahlt, die es persönlich in Empfang nahmen. Für seine erste D-Mark kaufte sich der Bautzener gar nichts Besonderes, nur zwei Kilo Erdnüsse, weil er die so gerne aß und diese in der DDR nur selten zu haben waren. Den Rest des Westgeldes legte er erst einmal auf die hohe Kante und verwendete es erst für den Urlaub im Juni 1990.

Mit Blick auf seine Vergangenheit in der DDR, fällt Heinz Kleber als positiver Aspekt ein, dass das Leben geregelt ablief und eine Sicherheit “von der Wiege bis zur Bahre” bot. Er selbst hatte ab 1968 seinen Beruf als Zerspaner in der mechanischen Abteilung des Fortschritt-Werkes gelernt und hätte diesen theoretisch bis zur Rente ausüben können, wenn die Wende nicht gekommen wäre. “Ich hätte mich auch weiterqualifizieren können, was jedoch kein besonders großes Plus in der Lohntüte gebracht hätte”, sagt Heinz Kleber. In der DDR seien eben alle ziemlich gleich gewesen. Existenzangst – das Wort habe man nicht gekannt. Heute dagegen wisse man nicht, was der morgige Tag bringen wird. Als sehr positiv schätzt Heinz Kleber auch die zinslosen Kredite für junge Eheleute ein, die ihnen einen sorgenfreien Start ins Familienleben ermöglichten.

Was die Stasi betrifft, so denkt Heinz Kleber, dass da sicher eine Akte existiert, aber angefordert hat er sie noch nicht. Er sei in seiner Unteroffizierslaufbahn an brisanter Stelle als Funker eingesetzt gewesen und hat mit seinen Kameraden den “Klassenfeind im Westen” abgehört. “Wir hatten da Technik vom Feinsten”, erinnert er sich. Geblieben ist ihm seine Leidenschaft für CB-Funk. Und unter den Kollegen habe man sich immer recht offenherzig unterhalten. “Da war bestimmt auch immer einer dabei, der mitgeschrieben hat”, vermutet Heinz Kleber.

Die fehlende Reisefreiheit in der DDR hat Heinz Kleber nicht sehr gestört. Das sei wohl das Erbteil seiner ungarndeutschen Vorfahren: “Die hingen sehr an ihrer Scholle”, sagt er.

1993 war es dann auch für Heinz Kleber vorbei mit der kontinuierlichen Berufslaufbahn. Er wurde bei Fortschritt entlassen und arbeitete zunächst für anderthalb Jahre in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme einer sogenannten Strukturfördergesellschaft, die für den Abriss der alten Gebäude der Singwitzer Papierfabrik zuständig war. Ab 1995 war Heinz Kleber als Hausmeister unter anderem im Keglerheim und beim Oberverwaltungsgericht tätig, jeweils nur für kurze Zeit, bis die Zuschüsse für die Arbeitgeber ausliefen.  1998 sagte man ihm beim Arbeitsamt, dass eine Gebäudereinigungsfirma einen Hausmeister suchte. Dort stieg er dann ein und blieb bis zur Rente. Die Löhne hätten sich nur mühsam nach oben entwickelt. Und mit der Einführung des Mindestlohnes seien die Zügel immer straffer angezogen worden. Doch am Ende der 90er Jahre sei man ja froh gewesen, überhaupt etwas zu bekommen. Heute, so stellt Heinz Kleber fest, würde man ihn in seinem ursprünglichen Beruf in vielen Betrieben mit Kusshand nehmen. Aber nun sei es zu spät. 2016 ist er nach 45 Arbeitsjahren in Rente gegangen. Doch die schlechte Bezahlung mache sich nun auch auf dem Rentenkonto bemerkbar. “Ich fühle mich durchaus benachteiligt, für immer und ewig”, resümiert Heinz Kleber.

Bedauerlich an der Entwicklung nach der Wende sei auch die Tatsache, dass viele junge Leute der Heimat den Rücken kehren mussten. So auch sein Junior. Der sei zunächst bei der Bundesmarine eingestiegen und habe viel von der Welt gesehen. Doch die Eltern sehen ihn eben nur selten.

Auch als Rentner nimmt Heinz Kleber regen Anteil an dem, was in seiner Stadt passiert. Ihn ärgert, dass die Bautzener oft so verbiestert sind und alles Neue ablehnen. Das sei manchmal wie Kindergarten. Man solle sich frei und offen austauschen, ohne ideologische Scheuklappen, wünscht er sich.

 

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