Die geraubte Perle

 

Wie westliche Politiker den Iran zerbrachen – und warum der Krieg von 2026 ohne 1953 und 1979 nicht zu begreifen ist

 

Ein investigativer Bericht – von Andreas Manousos

 

2. März 2026 – 13.30 Uhr

 

Dieser Bericht trennt strikt zwischen belegten Tatsachen, zeitgenössischen Deutungen und investigativen Schlussfolgerungen. Behauptungen aus dem laufenden Propagandakrieg, die sich am Stichtag nicht belastbar verifizieren ließen, wurden nicht als Tatsachen übernommen. Genau darin liegt die Pointe: Der Bericht soll nicht das nächste Lager bedienen, sondern die Schichten eines historischen Verbrechens freilegen – und eines neuen Krieges, der ohne diese Vorgeschichte unverständlich bleibt.

 

6. 2026: Der Krieg – Begründungen, Widersprüche, nackte Interessen

Der erste Luftschlag dieses Krieges fiel bereits 1953. Wer den Iran nur durch die Trümmerbilder von Teheran, die Raketenalarme von Haifa, die nervösen Tankermeldungen aus dem Persischen Golf und die hektischen Sondersitzungen in New York betrachtet, sieht nur die letzte Etage eines Hauses brennen, dessen Fundament vor Jahrzehnten unterminiert wurde.

Das macht die Gegenwart weder harmlos noch entschuldbar. Der Iran von heute ist kein unschuldiges Opfer. Die Islamische Republik ist ein System aus Repressionsapparat, Revolutionsgarden, Revolutionsgerichten, Folter, Hinrichtungen und einer politischen Theologie, die den Staat nicht als Dienst am Bürger, sondern als Werkzeug der Herrschaft versteht. Wer das verharmlost, belügt die Toten von Evin, Khavaran und den öffentlichen Galgen. Doch ebenso lügt, wer so tut, als sei dieses Regime aus einer historischen Leere entstanden oder als habe der Westen mit der Geburt des Problems nichts zu tun.

 

Die Wahrheit ist härter und unordentlicher. Der moderne Iran war nicht bloß ein ferner Orientraum, in dem irgendwann fanatische Geistliche aus dem Nichts auftauchten. Er war ein Land mit früher Verfassungstradition, parlamentarischer Erfahrung, juristischem Denken, urbaner Öffentlichkeit, säkularen Eliten und einem starken Impuls, Modernität mit nationaler Souveränität zu verbinden. Er war keine perfekte Demokratie, kein idyllisches Vorzeigeland und auch keine liberale Schweiz am Kaspischen Meer. Aber er war, gemessen an seiner Region, ein ernsthaftes politisches Projekt – und zeitweise eine der wenigen wirklichen verfassungsstaatlichen Hoffnungen des Nahen und Mittleren Ostens.

 

Dann kamen die Strategen. Erst London und Washington, die eine demokratisch legitimierte Nationalisierung der Ölressourcen nicht hinnahmen. Dann die westliche Aufrüstung einer Monarchie, die modernisierte, aber zugleich die politische Luft abschnürte. Dann der historische Moment 1978/79, als westliche Spitzenpolitiker – aus Schwäche, Kalkül, Illusion und außenpolitischer Müdigkeit – begriffen, dass der Schah stürzen konnte, ohne die geringste ernsthafte Antwort auf die Frage zu haben, wer an seine Stelle treten würde. Die eine große organisierte Kraft, die blieb, war der Klerus. Das Vakuum füllte nicht die Demokratie. Es füllte sich mit Turbanen, Revolutionsgerichten und Stricken.

 

Der Krieg von 2026 hat diese Geschichte nicht beendet. Er hat sie brutal geöffnet. Seit dem 28. Februar fliegen die USA und Israel massive Angriffe auf Iran; Ali Khamenei ist tot; Washington sprach von einer „once-in-a-generation opportunity“ und intern von einem „high-risk, high-reward“-Szenario; zugleich musste das Pentagon dem Kongress einräumen, dass es keine Erkenntnisse darüber gegeben habe, Iran habe einen Angriff auf US-Truppen zuerst geplant. Parallel dazu ist die nukleare Frage realer, gefährlicher und ernster, als westliche Schönfärber von gestern und Propagandisten von heute es wechselseitig zugeben wollen: Der Iran hat alarmierende Bestände hochangereicherten Urans aufgebaut; die IAEA warnt seit langem; zugleich belegen Berichte und westliche Nachrichtendienstlagen nicht dieselbe Gewissheit, die politische Kriegsreden suggerieren.

 

Die Folge ist ein doppelter Nebel. Der erste Nebel kommt aus Teheran, das mit dem Mythos des belagerten Widerstandsstaates seine eigenen Massengräber verdeckt. Der zweite kommt aus westlichen Hauptstädten, die den Krieg als notwendige Gegenwehr erzählen, aber ungern darüber sprechen, wie tief westliche Verantwortung in die Geschichte dieses Landes eingeschnitten hat. Zwischen beiden Nebeln steht der iranische Bürger – erst um eine nationale Entwicklung betrogen, dann von einem religiösen Machtstaat unterdrückt, nun erneut Objekt einer geopolitischen Operation, deren Ausgang offen ist.

 

Dieser Bericht erzählt die Geschichte deshalb in zwei Bewegungen. Zuerst den wesentlichen Bericht: den Iran als frühe Verfassungsnation, den Putsch von 1953, den Schah zwischen Modernisierung und Repression, die Preisgabe des alten Regimes 1979, den blutigen Charakter der Islamischen Republik und den Krieg von 2026. Danach die tiefere Hintergrundanalyse: die konkreten politischen Verantwortlichkeiten, die Schwächen der westlichen Kriegsbegründung, die Rolle von China, Russland und BRICS, die strategische Bedeutung der Straße von Hormus und die Lage der Drittstaaten – von Zypern bis Pakistan.

 

Wer nur nach einem Schuldigen sucht, wird enttäuscht. Es sind mehrere. Wer nur nach einem Lager sucht, ebenfalls. Die historische Wahrheit des Iran ist keine Parole. Sie ist eine Anklage in mehreren Akten.

 

 

TEIL I – DER WESENTLICHE BERICHT

 

1. Der Iran, bevor er zerbrach

 

Der Ausgangspunkt dieser Geschichte wird in westlichen Debatten fast immer falsch gesetzt. Meist beginnt sie mit dem Schah als prowestlichem Monarchen oder gleich mit Khomeini als finsterem Gottesmann. Beides ist zu spät. Der tiefere Anfang liegt in der konstitutionellen Erfahrung Irans. Bereits die Verfassungsrevolution von 1905 bis 1911 erzwang in Persien ein Parlament und eine konstitutionelle Monarchie. Iran gehörte damit zu den frühesten Verfassungsstaaten Asiens. Minister sollten dem Majles verantwortlich sein; die Majles sollte Minister stürzen können; die Monarchie sollte nicht mehr bloß persönliche Herrschaft sein, sondern in Recht überführt werden.

 

Das klingt heute nüchtern, war für die Region aber revolutionär. Ein Land, das wir im westlichen Rückblick allzu oft als passives Objekt fremder Mächte behandeln, hatte früh ein eigenes politisches Vokabular von Gesetz, Verfassung, Verantwortung, Presse und Souveränität ausgebildet. Diese Erinnerung ist wichtig, weil sie den späteren Mythos widerlegt, der politische Iran habe praktisch nur zwischen Monarchie und Mullahs wählen können. Nein: Es gab eine dritte Linie. Sie hieß konstitutioneller Nationalstaat.

 

Diese Linie gewann unter Mohammad Mossadegh noch einmal historische Wucht. Mossadegh war kein islamistischer Demagoge, kein sowjetischer Statthalter und auch kein antiwestlicher Irrationalist. Er war ein Nationalist im eigentlichen Sinn des Wortes: einer, der wollte, dass der Reichtum des Landes dem Land dient. Er stand für eine konstitutionelle Demokratie mit begrenzter Monarchie und für die Nationalisierung des Öls, nachdem die Anglo-Iranian Oil Company eine faire Beteiligung des Iran verweigert hatte. Das Projekt war politisch, ökonomisch und symbolisch zugleich. Es ging nicht nur um Einnahmen. Es ging um Würde.

 

Gerade hier liegt der Punkt, an dem der Begriff „Perle“ seinen realen Kern erhält. Der Iran der frühen fünfziger Jahre war keine romantische Märchenwelt, aber er besaß etwas, das viele Nachbarn nicht besaßen: eine ernsthafte Verbindung von politischem Pluralismus, nationaler Selbstbehauptung und gesellschaftlicher Modernität. Das Land hatte urbane Milieus, Universitäten, einen politischen Diskurs, eine verfassungsrechtliche Tradition und – vielleicht am wichtigsten – die historische Vorstellung, dass Staat nicht identisch sein müsse mit nackter Willkür.

 

4. 1978/79: Als der Westen den Schah aufgab – und den Klerus unterschätzte

Selbst die spätere Pahlavi-Zeit ließ diese modernisierende Seite zunächst nicht völlig verschwinden. Die wirtschaftlichen Programme, die Infrastrukturprojekte, die Bildungs- und Gesundheitskorps, die Industrialisierung und die stärkere Einbindung von Frauen in Bildung und Beruf waren reale Entwicklungen. Wer das leugnet, macht sich ebenfalls zum Propagandisten. Der Iran war vor 1979 keineswegs ein rein rückständiger Raum, den erst die Islamische Republik politisiert habe. Das Gegenteil ist näher an der Wahrheit: Das Land war längst im Streit darüber, wie moderne Souveränität aussehen sollte – westlich angebunden, national kontrolliert, monarchisch geführt, parlamentarisch begrenzt, religiös traditionell oder säkular. Genau diese Unentschiedenheit machte es lebendig. Und verletzlich.

 

Denn wo ein Land politisch lebt, kann es auch politisch zerstört werden. Die westliche Tragödie des Iran besteht nicht darin, dass London und Washington irgendwann einen bereits fertigen Gottesstaat vorfanden. Sie besteht darin, dass sie halfen, die stärkste säkulare und verfassungsstaatliche Alternative zu zerschlagen, und später dabei zusahen, wie an deren Stelle ein klerikaler Absolutismus trat. Der Iran war nicht von Natur aus dazu bestimmt, von Turbanen beherrscht zu werden. Er wurde in diese Richtung gestoßen – erst durch Intervention, dann durch Fehleinschätzung, schließlich durch Krieg.

 

 

2. 1953: Die Ursünde – Operation Ajax und die politischen Täter

 

Der Sturz Mossadeghs ist kein Randereignis, keine Fußnote des Kalten Krieges und kein Detail für Historikerseminare. Er ist die Ursünde der modernen Iran-Politik des Westens. Wer diese Episode relativiert, versteht weder die Tiefe des iranischen Misstrauens noch die moralische Verwundbarkeit der westlichen Position im Nahen Osten.

 

Die Fakten sind heute nicht mehr ernsthaft bestreitbar. Deutlich deklassifizierte US-Dokumente, die Veröffentlichungen des National Security Archive und die amtliche „Foreign Relations“-Dokumentation der Vereinigten Staaten zeigen: Operation TPAJAX wurde in Washington geplant und mit britischer Beteiligung durchgeführt. Die CIA spielte eine zentrale operative Rolle. Großbritannien drängte seit längerem auf den Sturz Mossadeghs. Die britische Seite wollte die Nationalisierung der Ölindustrie rückgängig machen oder wenigstens durch Machtwechsel neutralisieren. Die USA stiegen unter Dwight D. Eisenhower ein; unter Harry Truman hatte Washington den britischen Putschkurs noch nicht mitgetragen.

 

Die Namen müssen genannt werden. Dwight D. Eisenhower, Republikaner, Präsident der Vereinigten Staaten. John Foster Dulles, Republikaner, Außenminister. Allen Dulles, ebenfalls Republikaner und als CIA-Direktor eine der Schlüsselfiguren der Operation. Auf britischer Seite Winston Churchill, Konservative Partei, sowie das britische außen- und geheimdienstliche Establishment, das Mossadegh nicht als legitimen Verhandlungspartner, sondern als Hindernis behandelte. Es waren keine gesichtslosen Apparate allein. Es waren konkrete Männer in konkreten Ämtern.

 

Ihre politische Verantwortung unterscheidet sich im Grad, nicht im Wesen. Eisenhower gab dem Kurs den Präsidialschutz. John Foster Dulles lieferte die außenpolitische Härte, die aus einem Streit um Souveränität und Ressourcen eine strategische Bedrohung machte. Allen Dulles stand für den geheimdienstlichen Machbarkeitswahn jener Jahre: Wenn ein gewählter Regierungschef westlichen Interessen im Weg steht, wird er eben verdeckt beseitigt. Churchill wiederum verkörperte das britische Imperialsentiment, das die Verstaatlichung iranischen Öls als Zumutung empfand – nicht als Ausübung nationaler Souveränität.

 

War das alles nur Öl? Nein. War es auch Öl? Unbedingt. Die britischen Interessen an der Anglo-Iranian Oil Company waren zentral. Zugleich wurde der Kalte Krieg als argumentative Verstärkung benutzt. Mossadegh wurde nicht deshalb gestürzt, weil er ein kommunistischer Statthalter war; dafür gibt die Quellenlage keine seriöse Grundlage her. Er wurde gestürzt, weil eine erfolgreiche iranische Nationalisierung und eine konstitutionell legitimierte, eigenständige Politik ein gefährliches Beispiel gewesen wären – für Iran und darüber hinaus. Öl, Vorbildwirkung, geopolitische Kontrolle und antikommunistische Rhetorik liefen hier zusammen.

 

Noch ein Punkt ist entscheidend: Der Putsch war nicht bloß ein Regierungswechsel. Er war eine pädagogische Katastrophe. Millionen Iraner lernten, dass ein Parlament, eine Regierung und nationale Selbstbehauptung nur solange geduldet werden, wie sie die Struktur westlicher Interessen nicht wirklich berühren. Das Vertrauen, dass verfassungsmäßige Politik im Konfliktfall Bestand haben könnte, wurde zerstört. Von da an besaß jede spätere antiwestliche Demagogie einen harten historischen Kern, auf den sie sich berufen konnte.

 

Genau darin liegt auch der parteipolitische Befund. In Washington handelte die republikanische Administration mit starkem Rückhalt im antikommunistischen Establishment. Ein nennenswerter parteiinterner Aufstand gegen den Sturz Mossadeghs ist nicht erkennbar. Die breitere US-Politik jener Zeit war zwar auch bipartisch im Kalte-Kriegs-Denken gefangen; doch die entscheidende Schwelle zur aktiven Putschpolitik wurde unter republikanischer Führung überschritten. Wer also die genealogische Schuld benennen will, kommt an Eisenhower und den Dulles-Brüdern nicht vorbei.

 

Das Ergebnis war kurzfristig ein Erfolg der Machtpolitik und langfristig ein Desaster. Der Schah kehrte gestärkt zurück. Mossadegh war ausgeschaltet. Aber an die Stelle eines schwierigen, demokratisch legitimierten Nationalisten trat keine stabile Ordnung, sondern eine Monarchie, die ihre Legitimation immer stärker aus Repression, Geheimdienst und ausländischer Rückendeckung bezog. Der Putsch löste nicht das „Iran-Problem“. Er erzeugte es in seiner modernen Form.

 

 

3. Der Schah: Modernisierung nach außen, Erstickung nach innen

 

Wer den Iran nur als Opfer des Westens erzählt, verfehlt die zweite Hälfte der Wahrheit. Denn nach 1953 war es nicht mehr allein Washington oder London, die das Land deformierten. Der Schah und seine Ordnung trugen ihren Teil selbst bei – und zwar erheblich.

 

Mohammad Reza Schah Pahlavi führte ein Land, das tatsächlich modernisierte. Das ist keine Nebensächlichkeit. Die „Weiße Revolution“ stand für Landreformen, Infrastruktur, Alphabetisierung, Gesundheitsprogramme und einen ehrgeizigen Ausbau von Industrie und Verwaltung. Der Iran wurde nicht in die Vormoderne zurückgedrückt, sondern in vieler Hinsicht beschleunigt. Straßen, Dämme, Flughäfen, Industrieanlagen, Universitäten, ein wachsender urbaner Mittelstand – all das war real. Auch die Stellung von Frauen im öffentlichen Leben, im Bildungswesen und in Teilen der Berufswelt unterschied den Iran sichtbar von vielen Nachbarstaaten.

 

Gerade deshalb ist die spätere Zerstörung so tragisch. Denn Modernisierung ist nicht dasselbe wie Freiheit. Und der Schah verwechselte beides zunehmend. Die politische Ordnung verengte sich; oppositionelle Räume wurden abgeräumt; Kritik wurde nicht integriert, sondern überwacht. SAVAK – der berüchtigte Geheimdienst – wurde zum Synonym für ein System, das Stabilität mit Einschüchterung verwechselte. Autokratie, Korruption, ungleiche Verteilung des Ölreichtums, forcierte Westorientierung ohne ausreichende politische Öffnung und die brutale Unterdrückung von Dissens fraßen die Legitimität des Projekts von innen auf.

 

Darin lag der verhängnisvolle Widerspruch des Schah-Regimes. Es erzeugte die soziale, technische und kulturelle Modernität eines neuen Iran, verweigerte diesem neuen Iran aber die politische Repräsentation. Es schuf eine gebildete Gesellschaft und behandelte sie zugleich wie ein Sicherheitsproblem. Es baute einen Staat aus und verkümmerte die politische Nation. Wer so regiert, produziert nicht Ruhe, sondern aufgestaute Explosion.

 

Dieses Versagen entlastet den Westen nicht; es erklärt aber, warum die Pahlavi-Herrschaft am Ende so fragil wurde. Ohne den Putsch von 1953 wäre der Schah kaum in dieser Form abgesichert worden. Ohne die eigenen Fehler des Regimes wäre die Revolution dennoch vielleicht nicht in dieser Wucht gekommen. Beides gehört zusammen. Ein von außen befestigtes System, das innen politisch austrocknet, fällt oft nicht an die vernünftigste Kraft, sondern an die am besten organisierte.

 

Besonders bitter ist rückblickend Jimmy Carters berühmter Trinkspruch vom 31. Dezember 1977 in Teheran. Carter pries Iran als „Insel der Stabilität“ in einer unruhigen Region. Dieser Satz ist nicht deshalb historisch peinlich, weil er knapp danebenlag, sondern weil er das Grundproblem kondensiert: Der Westen sah im Schah vor allem Funktion, Ordnung, Bündnistreue und strategische Verlässlichkeit. Was unter der Oberfläche gärte, wurde zu spät und zu schlecht begriffen.

 

So steht der Schah bis heute zwischen zwei verzerrten Erinnerungen. In der einen war er bloß ein westlicher Statthalter und Tyrann; in der anderen ein fast verlorener goldener Monarch, unter dem alles gut gewesen sei. Beides ist unzureichend. Wahrer ist: Er stand an der Spitze eines großen, teilweise beeindruckenden Modernisierungsprojekts – und zerstörte einen Teil seiner eigenen Chancen, weil er politische Öffnung, institutionelle Selbstbegrenzung und gesellschaftlichen Ausgleich nicht ernst genug nahm. Er machte den Iran moderner, aber nicht freier. Und so wurde sein Regime in dem Moment verwundbar, in dem der Westen seine Rückendeckung schwanken ließ.

 

 

 

Über 1979 wird besonders viel Unfug erzählt. Die eine Seite behauptet, der Westen habe Khomeini planvoll installiert. Die andere behauptet, der Westen habe mit seinem Aufstieg fast nichts zu tun gehabt. Beides hält einer nüchternen Prüfung nicht stand.

 

Die archivalische Wirklichkeit ist komplizierter – und gerade deshalb anklagender. Schon Ende 1978 war im westlichen Machtzentrum spürbar, dass der Schah politisch taumelte. Washington schwankte zwischen Abstützung und kontrollierter Übergabe, zwischen Härte und Ausweg, zwischen Angst vor Chaos und Unterschätzung des Klerus. Die Carter-Regierung war intern keineswegs geschlossen. Zbigniew Brzezinski neigte zu härteren Optionen; andere suchten nach einer Form des Übergangs. Aber entscheidend ist nicht, ob im Weißen Haus jeder alles gleich sah. Entscheidend ist, dass die Vereinigten Staaten und ihre wichtigsten Partner keine tragfähige nichtklerikale Nachfolgestrategie entwickelten.

 

Die Konferenz von Guadeloupe Anfang Januar 1979 ist deshalb kein bloßer Mythos, aber auch kein geheimnisvoller Allmachtsakt. Präsident Jimmy Carter, Demokrat; Bundeskanzler Helmut Schmidt, SPD; Präsident Valéry Giscard d’Estaing, UDF beziehungsweise Mitte-Rechts; Premierminister James Callaghan, Labour – sie alle trafen sich und sprachen auch über Iran. Nach den verfügbaren Rekonstruktionen war Iran nicht das einzige Thema, aber das Urteil war düster: Der Schah galt im kleinen Kreis der westlichen Führer als weitgehend erledigt. Carter notierte später selbst, er habe unter den anderen drei wenig Unterstützung für den Schah gefunden; nach späteren Rekonstruktionen aus seinen Notizen waren die anderen im Kern der Auffassung, der Schah müsse so bald wie möglich gehen.

 

Helmut Schmidt wird in Deutschland bis heute oft als archetypischer Staatsmann gefeiert: kühl, nüchtern, krisenfest, der große Lotse der Bundesrepublik. Gerade deshalb lohnt hier der zweite Blick. Denn der posthum vergoldete Schmidt gehörte zu jenem engsten westlichen Zirkel, der den Schah politisch abschrieb, ohne eine realistische Sicherung gegen den Machtgewinn des Klerus zu besitzen. Das heißt nicht, Schmidt habe „die Mullahs installiert“. Aber es heißt sehr wohl: Sein späterer Nimbus als souveräner Krisenmanager kollidiert mit der harten Tatsache, dass er 1979 zu den westlichen Spitzenpolitikern gehörte, die den Sturz des alten Regimes hinnahmen, ohne die strategische Konsequenz wirklich durchzudenken. Wer ihn nur als großen Realisten feiert, verdrängt Guadeloupe.

 

Auch Jimmy Carter darf nicht aus dieser Bilanz entlassen werden. Sein Iran-Erbe ist eine doppelte Hypothek. Zuerst trug er noch das alte Bündnis mit, sprach von Stabilität und hielt am strategischen Verhältnis zum Schah fest. Als das Regime dann kippte, pendelte seine Administration in eine Politik der Unsicherheit. Kontakte zum Khomeini-Lager und Bemühungen, einen Zusammenbruch oder Militärputsch zu vermeiden, sind dokumentiert; die Deutung dieser Kontakte ist umstritten, aber die Richtung ist klar: Washington versuchte, den Übergang zu managen, nicht den Klerus politisch zu vernichten. Das war aus Sicht der Krisendiplomatie nachvollziehbar, historisch aber fatal.

 

Valéry Giscard d’Estaing wiederum erlaubte Khomeini, von französischem Boden aus als globaler Revolutionssender zu wirken. Diese Entscheidung hatte ihre eigene Logik; Paris wollte ihn nicht zwangsläufig zum Herrscher machen. Doch objektiv verschaffte Frankreich dem Exilierten die Bühne, von der aus er Kassetten, Botschaften und die Aura eines alternativen Zentrums in den Iran senden konnte. Auch hier gilt: vielleicht nicht böswillig, aber folgenschwer.

 

Die parteipolitische Rückendeckung war 1979 diffuser als 1953, aber deshalb nicht geringer in ihrer Wirkung. Carter handelte nicht gegen eine rebellierende Demokratische Partei; vielmehr spiegelte sein Kurs ein breiteres außenpolitisches Milieu, das den Schah als verbraucht ansah und im Khomeinismus keine sofortige existenzielle Gefahr erkennen wollte. Schmidt wiederum handelte als Kanzler einer SPD/FDP-Regierung, ohne dass eine dokumentierte parteiinterne Gegenfront gegen diese Linie sichtbar wäre. Das ist keine Anklage wegen formeller Parteitagsbeschlüsse, sondern eine politische: Die führenden westlichen Eliten schrieben ein altes Regime ab, ohne den Charakter der kommenden Ordnung zu begreifen.

 

Hier liegt der Kern der Schuld. Nicht in einem simplen Märchen, der Westen habe bewusst ein Hinrichtungsregime bestellt wie Ware aus dem Katalog. Sondern darin, dass konkrete Politiker ein zusammenbrechendes System aus strategischer Müdigkeit, Fehlwahrnehmung und kurzfristigem Krisenkalkül behandelten, ohne die einzige Kraft ernst zu nehmen, die am Ende das Machtvakuum füllen konnte. Das Ergebnis war nicht die erhoffte Öffnung, sondern die Islamische Republik.

 

Und diese Republik setzte vom ersten Augenblick an ihre Signatur: nicht als Übergangsregierung, nicht als verirrte Frömmigkeitsbewegung, sondern als Herrschaftsapparat, der revolutionäre Legitimation mit Tötungsbereitschaft verband.

 

 

5. Die Republik der Galgen

 

Es gibt einen westlichen Reflex, der jedes neue Kapitel der Iran-Krise mit der Frage eröffnet, wie man mit Teheran „umgehen“ solle. Dieser Reflex vernebelt oft die banalste, brutalste Tatsache: Die Islamische Republik ist vor allem ein Regime, das gegen das eigene Volk gegründet, konsolidiert und verteidigt wurde.

 

Schon in den ersten Jahren nach 1979 setzte eine Welle von Exekutionen, Revolutionsgerichten und Säuberungen ein, die die politische Landschaft des Landes regelrecht dezimierte. Amnesty dokumentierte früh, dass seit Ausrufung der Islamischen Republik viele Tausend Gefangene hingerichtet wurden; allein zwischen Juli 1988 und Januar 1989 registrierte die Organisation mehr als 2.500 Exekutionen. Der UN-Sonderberichterstatter charakterisierte die Verbrechen der Jahre 1981/82 und 1988 später als „atrocity crimes“ – als Verbrechen von einer Kategorie, die weit über gewöhnliche Repression hinausgeht. Tausende politische Gegner verschwanden in einem Staat, dessen institutionelle DNA sich aus Straffreiheit, ideologischer Verfolgung und der Negation des Rechtsstaats speiste.

 

Wer die langen Schatten dieser Geschichte nicht sieht, versteht auch die Gegenwart nicht. Die heutige Islamische Republik ist nicht nur autoritär. Sie ist die Fortsetzung eines Machtmodells, das seine Stabilität aus systematischer Gewalt bezieht. 2025 wurden laut Amnesty bereits über 1.000 Menschen hingerichtet – der höchste von Amnesty erfasste Jahreswert seit mindestens 15 Jahren. Human Rights Watch und die Vereinten Nationen warnten vor einer ungebrochenen Exekutionswelle. AP berichtete unter Berufung auf einen UN-Bericht, dass 2024 mindestens 975 Menschen exekutiert worden seien; Iran vollziehe Todesurteile durch Hängen, vier davon öffentlich.

 

Gerade die Symbolik der öffentlichen Hinrichtung zeigt, was dieses System von Politik hält. Reuters dokumentierte bereits 2023, wie die Leichen hingerichteter Protestierender an Kränen präsentiert wurden. Der Fall Majid Reza Rahnavard, öffentlich an einem Kran in Mashhad gehängt, steht für eine Botschaft, die das Regime in den urbanen Raum einschreibt: Der Staat will nicht nur töten. Er will gesehen werden beim Töten.

 

Für die jüngste Protestwelle muss man ebenfalls sauber bleiben. Donald Trump sprach von 32.000 getöteten Demonstranten in wenigen Monaten. Reuters vermerkte ausdrücklich, diese Zahl sei nicht verifizierbar. Gerade deswegen ist Präzision hier wichtig. HRANA dokumentierte in einem umfangreichen Bericht über die ersten fünfzig Tage der landesweiten Proteste seit Ende Dezember 2025 insgesamt 7.007 bestätigte Todesfälle; weitere 11.744 Fälle seien noch in Prüfung. Unter den bestätigten Toten zählte HRANA 6.488 getötete Protestierende, 236 getötete Kinder, 76 getötete Zivilisten außerhalb des Protestspektrums sowie 207 Tote auf Seiten von Militär und Regierung. Schon diese bestätigten Zahlen sind erschütternd genug. Sie benötigen keine propagandistische Aufblähung, um das Verbrechen sichtbar zu machen.

 

Ebenso genau muss man bei der Todesstrafe in den letzten Wochen sein. Was belastbar dokumentiert ist: Amnesty berichtete am 20. Februar 2026, dass mindestens acht Personen nach den Januar-Protesten bereits zum Tode verurteilt worden seien und mindestens 22 weitere akut von Todesurteilen bedroht seien – insgesamt also mindestens 30 Menschen, darunter Minderjährige oder Heranwachsende, in beschleunigten und grob unfairen Verfahren. Reuters meldete Ende Februar die erste Todesstrafe, die direkt mit den Januar-Unruhen verknüpft worden sei. Das Regime bewegt sich also erneut in Richtung der bekannten Logik: schnelle Prozesse, unter Folter erpresste Geständnisse, Todesurteile als politische Waffe.

 

An diesem Punkt zerbricht eine bequeme Illusion, die sowohl im Westen als auch im antiwestlichen Lager beliebt ist. Die eine Illusion lautet: Das Regime sei im Kern nur eine Reaktion auf westliche Feindseligkeit. Falsch. Es ist längst ein eigenständiger Produzent von Terror gegen die eigene Bevölkerung. Die andere lautet: Wenn der Westen nur stark genug auftritt, erledige sich das Regime fast automatisch. Ebenfalls falsch. Denn Systeme, die jahrzehntelang auf Gewalt, Patronage, Revolutionsgarden und religiös begründeter Staatsloyalität aufgebaut sind, stürzen nicht einfach wegen eines Luftschlages auf einen Kommandobunker.

 

Der Iran von 2026 ist deshalb ein doppeltes Schlachtfeld: außen militärisch, innen existenziell. Der Kran, an dem ein Gegner hängt, und die Rakete, die auf einen Stützpunkt zufliegt, gehören zur selben Geschichte – aber nicht zur selben Verantwortlichkeit. Die islamische Führung kann sich nicht auf 1953 hinausreden, wenn sie 2026 Jugendliche in Schauprozesse wirft. Und der Westen kann sich nicht auf 2026 hinausreden, wenn er seine historische Mitschuld an der Zerstörung der säkularen Alternative verschweigt.

 

 

 

Am 28. Februar 2026 eröffneten die Vereinigten Staaten und Israel mit massiven Angriffen den schwersten direkten Schlag gegen Iran seit Jahrzehnten. Reuters, AP, die Washington Post und Al Jazeera berichteten übereinstimmend über den Beginn der Operation; Reuters zufolge sprach das Pentagon von „Operation Epic Fury“. In den ersten Kriegstagen wurde Ali Khamenei getötet. Reuters berichtete zudem, die Operation sei zeitlich so vorverlegt worden, dass sie ein Treffen Khameneis mit seinem inneren Zirkel traf. Das Ziel war nicht bloß Infrastruktur. Das Ziel war – so viel lässt die Quellenlage erkennen – auch Führung.

 

Die offizielle amerikanische Begründung ruhte auf mehreren Säulen: Iran dürfe keine Kernwaffe haben; sein Raketenprogramm müsse eingedämmt werden; Bedrohungen gegen die USA und ihre Verbündeten müssten ausgeschaltet werden; die iranische Gewalt gegen Demonstranten müsse bestraft werden; und am Ende schimmerte offen oder halboffen ein Regimewechselmotiv durch. Trump selbst rief die Iraner dazu auf, ihre Regierung zu übernehmen. Reuters berichtete zudem aus dem Inneren der Entscheidungsfindung, Trump sei im Vorfeld über ein „high-risk, high-reward“-Szenario informiert worden, das als „once-in-a-generation opportunity“ für Veränderungen in der Region beschrieben worden sei.

 

Gerade deshalb muss der Bericht an dieser Stelle gegen den Strom beider Lager lesen. Erstens: Die nukleare Problemlage ist real. Die IAEA meldete 2025 und 2026 alarmierende Bestände von bis zu 60 Prozent angereichertem Uran; Ende Februar 2026 schätzte die Behörde den Vorrat vor den Angriffen des Vorjahres auf 440,9 Kilogramm – genug, wenn weiter angereichert, für zehn Kernwaffen nach IAEA-Maßstab. Die IAEA und westliche Regierungen betonen seit langem, dass es für eine solche Anreicherung keine glaubwürdige zivile Rechtfertigung gibt. Wer behauptet, der Westen habe sich die gesamte nukleare Sorge frei erfunden, redet an den Fakten vorbei.

 

Zweitens: Diese reale Sorge macht nicht automatisch jede Kriegsbegründung wahr. Reuters berichtete am 2. März, dass Pentagon-Vertreter dem Kongress in vertraulichen Briefings eingeräumt hätten, es habe keine Erkenntnisse gegeben, wonach Iran geplant habe, US-Kräfte zuerst anzugreifen. Genau das untergräbt die dramatische öffentliche Rhetorik eines unmittelbar bevorstehenden Präventivschlags gegen Amerika. Reuters meldete außerdem, Trump habe keine Belege dafür vorgelegt, dass Iran bald Raketen besessen hätte, die das amerikanische Festland erreichen könnten. Auch diese Diskrepanz ist nicht nebensächlich. Sie ist der Unterschied zwischen nachweisbarer Bedrohung und politischer Dramatisierung.

 

Drittens: Die Diplomatie war nicht tot. Noch am 24. und 26. Februar berichtete Reuters über Verhandlungen in Genf und über ernsthafte, wenn auch ergebnisoffene Fortschritte. Oman sprach von Fortschritt; Iran erklärte, ein Abkommen sei in Reichweite, wenn Diplomatie Priorität erhalte. Es gab kein Durchbruchsergebnis. Aber die Behauptung, Krieg sei die einzige noch offene Tür gewesen, lässt sich so nicht halten.

 

Viertens: Die Kriegsrhetorik vermischt oft alles – Nuklearfrage, Raketen, Proxys, Protestrepression, Regimewechsel – zu einem einzigen moralischen Gesamtpaket. Das ist politisch wirksam, analytisch aber unredlich. Ein Regime kann innenpolitisch mörderisch sein und trotzdem nicht nachweislich einen unmittelbaren Erstschlag gegen US-Truppen planen. Es kann nuklear problematisch sein und trotzdem nicht genau das konkrete Szenario erfüllen, das politische Reden behaupten. Es kann strategisch gefährlich sein und dennoch nicht dadurch bekämpft werden dürfen, dass man Begründungslücken mit Pathos füllt.

 

Die Folge dieser Vermischung ist ein Krieg, der im Westen als Sicherheitsoperation, in Teheran als neokolonialer Enthauptungsschlag, in Moskau und Peking als völkerrechtswidrige Eskalation, in Teilen Europas als moralisch ambivalenter Moment und im Globalen Süden vielfach als weiterer Beweis westlicher Doppelstandards gelesen wird. Nichts daran ist sauber. Aber eines ist klar: Der Krieg von 2026 ist nicht nur militärische Aktion. Er ist auch ein Kampf um die Erzählung.

 

Gerade deswegen sollte man den Blick auf das Legitimationsproblem nicht verlieren. Ein Staat, der 1953 eine demokratisch legitimierte iranische Regierung stürzte, der 1979 die Tragweite der Klerikermacht unterschätzte, der Jahrzehnte später das Schah-Regime moralisch verdammte, ohne die eigene Rolle ernsthaft aufzuarbeiten, und der 2026 erneut Krieg mit teils dünneren Argumenten verkauft, als die Reden vermuten lassen – ein solcher Staat redet nie nur über Iran. Er redet immer auch über sich selbst. Und oft beschönigt er dabei.

 

 

 

TEIL II – HINTERGRUNDANALYSE

 

7. Die politischen Verantwortlichen: Namen, Parteien, Rückhalt

 

Wer die Geschichte des iranischen Zusammenbruchs ernsthaft untersucht, darf nicht mit abstrakten Formeln operieren. „Der Westen“ ist zu bequem. Verantwortung wird von Regierungen getragen, von einzelnen Politikern entschieden, von Parteien gedeckt, von Apparaten ausgeführt und von Leitmedien moralisch eingerahmt. Der iranische Fall ist dafür ein Lehrstück.

 

Dwight D. Eisenhower, Republikaner, trägt als US-Präsident die politische Letztverantwortung für den Putsch von 1953. Ohne seine Zustimmung hätte es Operation Ajax nicht gegeben. Die republikanische Administration übernahm damit genau jene Politik, der Harry S. Truman zuvor widerstanden hatte. Der Kurswechsel war nicht marginal, sondern grundlegend: Aus einem Streit um nationale Souveränität und Ölverteilung wurde unter Eisenhower ein Fall der globalen Eindämmungspolitik gemacht. Eisenhower handelte nicht gegen seine Partei, sondern im Einklang mit dem antikommunistischen Grundkonsens seiner Zeit. Der Rückhalt in seiner Regierung war stark, der Rückhalt im sicherheitspolitischen Establishment noch stärker. Dass Mossadegh kein sowjetischer Statthalter, sondern ein iranischer Nationalist mit parlamentarischer Legitimation war, wurde politisch beiseitegeschoben. Die Lüge war nützlich, also wurde sie Staatsräson.

 

John Foster Dulles, Republikaner und Außenminister, war dabei nicht bloß Ausführender, sondern ideologischer Scharfmacher. Er übersetzte wirtschaftliche Interessen und britischen Druck in die Sprache des Kalten Krieges. Sein Bruder Allen Dulles, CIA-Direktor, machte aus dieser politischen Absicht ein operatives Programm: Desinformation, Bestechung, Straßenmobilisierung, Einfluss auf Militär und Hof. Das war keine Außenpolitik mit schmutzigen Rändern. Das war staatlich organisierte Zerstörung einer verfassungsnationalen Alternative. Die Brüder Dulles handelten nicht im parteipolitischen Niemandsland. Sie verkörperten die republikanische Verbindung aus Antikommunismus, strategischem Machtinstinkt und Bereitschaft, demokratische Verfahren in der Peripherie zu opfern, wenn Rohstoffe, Prestige und Bündnissysteme auf dem Spiel standen.

 

Auf britischer Seite gehört Winston Churchill, konservativ, in dieselbe Anklagebank der Geschichte. London hatte den Konflikt um die Verstaatlichung des iranischen Öls verschärft und suchte in Washington systematisch Unterstützung für einen Sturz Mossadeghs. Die britische Rolle wird in deutschsprachigen Debatten oft zu klein erzählt, obwohl die archivalische Lage klar zeigt: Der Impuls kam nicht nur aus Washington, sondern ebenso aus London. Churchill handelte mit Rückhalt eines konservativen Establishments, das den Verlust alter imperialer Privilegien nicht hinnehmen wollte. Der iranische Wählerwille zählte gegenüber der Frage, wer über Öl und Zugangsrechte verfügte, nahezu nichts.

 

Jimmy Carter, Demokrat, steht auf einer anderen Ebene der Verantwortung. Ihm ist der Putsch von 1953 nicht anzulasten; wohl aber die politische Blindheit von 1978/79. Carter hatte den Iran 1977 noch öffentlich als „Insel der Stabilität“ gelobt. Als das Schah-Regime zu taumeln begann, geriet Washington in einen Modus des gleichzeitigen Zauderns und Loslassens. Carter und sein Umfeld suchten Distanz zum Schah, ohne eine tragfähige nichtklerikale Alternative zu sichern. Die historische Schuld Carters liegt nicht darin, Chomeini planvoll „installiert“ zu haben. Dafür gibt die belastbare Quellenlage keinen sauberen Beweis. Seine Schuld liegt in der strategischen Unterschätzung des Klerus, in der Verkennung der Kräfteverhältnisse und in der Bereitschaft, einen jahrzehntelang gestützten Verbündeten fallen zu lassen, ohne die Wucht des entstehenden Machtvakuums zu begreifen. Rückhalt hatte Carter dafür keineswegs überall, aber doch in weiten Teilen seiner Administration und im westlichen Bündniszirkel, der den Schah im Januar 1979 faktisch bereits abgeschrieben hatte.

 

Valery Giscard d’Estaing, französischer Präsident der Mitte-Rechts-UDF, gehört ebenfalls zu diesem Kreis. Dass Chomeini von französischem Boden aus wirken konnte, war politisch folgenreich. Paris verstand sich als Bühne, als diplomatischer Umschlagplatz, nicht als Hebamme einer Theokratie. Aber gerade diese Selbstverkennung ist Teil der Verantwortung. Politik haftet nicht nur für das Beabsichtigte, sondern auch für das grob Fahrlässige. Wenn ein revolutionärer Kleriker von europäischem Exilboden aus ein Regime stürzt und die Gastgebermacht daraus keinerlei strategische Konsequenzen zieht, ist das nicht bloß historische Randnotiz, sondern eine Form politischer Ermöglichung.

 

Helmut Schmidt, Sozialdemokrat, muss schärfer betrachtet werden, als es die deutsche Erinnerungskultur gewöhnlich zulässt. In Deutschland gilt er posthum vielen als Inbegriff des nüchternen Staatsmanns. Im Iran-Kapitel jedoch steht auch sein Name in jener westlichen Führungsetage, die den Schah in Guadeloupe innerlich verabschiedete. Die belastbare, faire Formulierung lautet nicht: Schmidt habe die Mullah-Herrschaft bewusst geplant. Aber sie lautet sehr wohl: Schmidt gehörte zu den westlichen Spitzenpolitikern, die den Sturz des alten Regimes als weitgehend entschieden betrachteten, ohne eine tragfähige freiheitliche Nachfolgeoption zu sichern; und er teilte einen Realismus, der Stabilitätsmanagement über politische Tiefenschärfe stellte. Der parteipolitische Rückhalt dafür war hoch – nicht im Sinne eines expliziten SPD-Beschlusses zur „Mullahisierung“ Irans, sondern im Sinne eines breiten westdeutschen Elitenkonsenses, der den Schah als Problemfall sah und die revolutionäre Dynamik fundamental unterschätzte.

 

Gerade dieser Punkt ist für deutsche Leser entscheidend. Wer Schmidt nur als Krisenkanzler, NATO-Stratege und hanseatischen Vernunftpolitiker erinnert, erinnert zu wenig. Das Iran-Kapitel beschädigt nicht alles an seiner Biografie. Aber es zerkratzt den Lack des untadeligen Staatsmanns deutlich. Zur Wahrheitsfindung gehört, Ikonen gegen die Quellen zu lesen – nicht gegen den Kult.

 

Die Parteien wiederum trugen jeweils auf ihre Weise mit. Die Republikaner der Eisenhower-Jahre schufen die strukturelle Ursünde: den Sturz einer legitimen, verfassungsgebundenen Führung im Namen geopolitischer Nützlichkeit. Die Demokraten der Carter-Jahre trugen Mitverantwortung für die Fehllektüre des revolutionären Augenblicks und für das folgenreiche Unterschätzen des Klerus. Die westdeutsche SPD trägt Mitverantwortung, weil sie im entscheidenden Moment Teil eines westlichen Leitungskreises war, der den Iran nicht mehr als Gesellschaft mit konkurrierenden Zukunftsentwürfen las, sondern als Problem der Schadensbegrenzung. In der Bilanz heißt das: verschiedene Parteien, verschiedene Motive, ein gemeinsames Resultat – der Weg wurde erst zerschlagen, dann freigeräumt, dann dem Falschen überlassen.

 

 

8. Was Washington heute sagt – und was Washington lieber nicht erinnert

 

Der gegenwärtige Krieg wird in Washington als Reaktion auf nukleare Gefahr, Raketenbedrohung, regionale Destabilisierung und Menschenrechtsverbrechen des Regimes gerechtfertigt. Ein Teil davon beruht auf realen Problemen. Iran hat hochangereichertes Uran in einer Größenordnung angehäuft, für die es keine überzeugende zivile Begründung gibt. Das Regime hat die eigene Bevölkerung massakriert, foltert, exekutiert und terrorisiert. Wer das leugnet, argumentiert nicht investigativ, sondern propagandistisch. Und doch ist genau hier die entscheidende Frage zu stellen: Warum wird in amerikanischen Rechtfertigungsreden fast nie die eigene historische Mitverantwortung mitverhandelt?

 

Der Grund liegt weniger in den Tagesparteien als in einem institutionellen Bedürfnis der Vereinigten Staaten, das Gesicht der Präsidentschaft zu wahren. Die US-Außenpolitik kann sich innenpolitisch vieles leisten – militärische Wagnisse, rhetorische Eskalationen, Regierungswechsel in der Ferne -, aber sie kann es sich nur schwer leisten, ihre großen historischen Linien offen als Serie verhängnisvoller Fehlentscheidungen zu erzählen. Wer öffentlich ausspricht, dass ein republikanischer Präsident 1953 eine Demokratie stürzte und ein demokratischer Präsident 1979 die Tiefe der kommenden Theokratie verfehlte, greift nicht nur einzelne Vorgänger an. Er greift die moralische Erzählung amerikanischer Weltmacht an.

 

An diesem Punkt wird auch Donald Trump interessant. Trump beschuldigt Joe Biden in der Innenpolitik, in der Ukraine-Frage und in fast jedem Feld der Tagespolitik nahezu bei jeder Gelegenheit. Genau das macht sein Schweigen über Eisenhower, Carter oder den Langbogen amerikanischer Iran-Politik so aufschlussreich. Es beweist nicht automatisch eine geheime Absprache. Aber es legt nahe, dass es eine präsidiale Schonzone der Geschichte gibt. Wer das Amt retten will, zerstört nicht zu gründlich die Legende des Amtes. Trump kann Biden angreifen, ohne die Institution zu beschädigen. Würde er jedoch die Linie von 1953 über 1979 bis 2026 offen als amerikanische Mitverantwortung benennen, träfe er das Fundament der außenpolitischen Selbstbeschreibung der Vereinigten Staaten.

 

Reuters lieferte für die Gegenwart eine aufschlussreiche, fast entlarvende Spannung. Einerseits wurde die Operation als notwendiger Schlag gegen Gefahr und Eskalation dargestellt. Andererseits berichtete Reuters am 2. März 2026 aus Kongressbriefings, das Pentagon habe keine Hinweise gesehen, dass Iran einen unmittelbaren Erstschlag gegen US-Kräfte geplant habe. Damit fällt ein zentrales Element klassischer Präemptionsrhetorik in sich zusammen. Die Logik verschiebt sich: weg von der akuten Notwehr, hin zu strategischer Vorwärtsverteidigung, Gelegenheitspolitik, Abschreckungsdemonstration und dem Versuch, das regionale Machtgefüge neu zu schreiben. Genau diese Verschiebung mag militärisch diskutierbar sein. Sie ist aber etwas anderes als die moralisch klare Selbstverteidigung, als die sie der Öffentlichkeit gern verkauft wird.

 

Hinzu kommt der zeitliche Kontext. Reuters berichtete, dass die Genfer Gespräche und die Vermittlungsbemühungen Omans wenige Tage vor dem Angriff noch nicht völlig tot gewesen seien. Auch das bedeutet nicht, Diplomatie hätte sicher funktioniert. Es bedeutet jedoch, dass die Entscheidung zum Krieg in ein Fenster fiel, in dem Verhandlungskanäle noch existierten. Je näher man an diese Tatsache heranzoomt, desto deutlicher wird: Die Operation war nicht bloß Reaktion auf die letzte Minute, sondern auch die bewusste Entscheidung, ein Verhandlungsfenster zugunsten eines militärischen Schocks zu schließen.

 

Das eigentliche Tabu lautet deshalb nicht „war Iran gefährlich?“, sondern „welche Geschichte erzählen sich die USA, um ihre eigene Rolle aus der Erzählung herauszuschneiden?“ Washington benennt gern Irans Atomprogramm, selten aber den Staatsstreich von 1953. Washington beschwört Irans Gewalt gegen Demonstranten, selten aber die jahrzehntelange westliche Praxis, autoritäre Partner zu stützen, solange sie nützlich sind. Washington spricht über Stabilität, aber nur ungern darüber, wie oft gerade westliche Politik im Nahen Osten die Vorbedingungen späterer Instabilität erzeugt hat.

 

Das entlastet Teheran nicht um einen Millimeter. Die Islamische Republik ist nicht bloß Opfer westlicher Intrigen, sondern Urheberin eigener Verbrechen. Sie braucht für ihre Folterkeller keinen westlichen Auftrag, für ihre Kräne keinen fremden Befehl und für ihre Todesurteile keine CIA. Doch die investigative Pflicht besteht darin, beide Ebenen zugleich sichtbar zu machen: das Verbrechen des Regimes und die historische Kette, die half, den Raum dieses Regimes entstehen zu lassen.

 

In der politischen Kommunikation der Gegenwart wird genau diese Doppelperspektive systematisch gespalten. Wer auf westliche Mitverantwortung hinweist, gilt schnell als Apologet des Regimes. Wer die Mullahs beim Wort nimmt, gilt im anderen Lager sofort als Lautsprecher westlicher Kriegsrhetorik. Dieses Denken ist intellektuell unerquicklich und journalistisch wertlos. Die Wahrheit ist härter: Der Iran wurde durch westliche Machtpolitik beschädigt, und er wird seit Jahrzehnten durch seine eigene klerikale Macht vernichtet. Der Krieg von 2026 wird nur dann verständlich, wenn beides in einem Satz stehen darf.

 

 

Die Guadeloupe-Akte – Aufgabe ohne Alternative

 

Wenn man verstehen will, warum die Jahre 1978/79 nicht nur als inneriranische Revolution, sondern auch als westliches Versagen gelesen werden müssen, führt kein Weg an Guadeloupe vorbei. Auf der Karibikinsel trafen sich Anfang Januar 1979 Jimmy Carter, Valery Giscard d’Estaing, James Callaghan und Helmut Schmidt. Das Treffen selbst ist oft mythisch überladen worden – als sei dort in einer geheimen Kabale das Mullah-Regime nach Bauplan entworfen worden. So einfach ist es nicht. Aber die Gegenlüge, Guadeloupe sei bloß belangloses Gipfelritual gewesen, hält einer näheren Betrachtung ebenfalls nicht stand.

 

Gerade an Guadeloupe verdichtet sich eine Form politischer Verantwortung, die in offiziellen Erinnerungen gern vernebelt wird: die Verantwortung nicht für das bewusst Gewollte, sondern für das folgenreiche Weglassen. Die archivalischen Hinweise und späteren Rekonstruktionen deuten darauf hin, dass die westlichen Spitzenpolitiker dort den Schah weitgehend als nicht mehr haltbar betrachteten. Carter notierte später, dass er unter den anderen Teilnehmern nur sehr wenig Unterstützung für den Schah gesehen habe. Nach den Rekonstruktionen des Middle East Institute waren die anderen im Kern einig, dass der Schah das Land verlassen müsse. Das ist keine Kleinigkeit. Es ist der Moment, in dem aus einer langjährigen Stützung ein strategisches Abschreiben wird.

 

Helmut Schmidt spielt in dieser Szene eine besonders unbequeme Rolle für die deutsche Erinnerung. Deutschland erzählt Schmidt gern als nüchternen Realisten, als Mann des klaren Blicks, als Kanzler, der Krisen nicht poetisierte, sondern durcharbeitete. Im Iran-Fall heißt „Realismus“ jedoch etwas sehr Zweideutiges. Er bedeutete nicht, dass Schmidt die klerikale Gefahr besonders scharf erkannte und gegen sie Vorsorge traf. Eher bedeutete er, dass auch in Bonn die Frage überwog, wie man mit einem offenbar sterbenden Regime noch geordnet umgeht – nicht, wie eine freiheitliche Alternative gesichert werden könnte. Der Fehler war nicht sentimentale Schwäche, sondern kühle Verkürzung. Man las den Iran als Managementproblem einer schiefgehenden Ordnung, nicht als Kampf um die gesellschaftliche Zukunft eines hochpolitisierten Landes.

 

Carter wiederum handelte unter doppeltem Druck. Die Menschenrechtsrhetorik seiner Präsidentschaft hatte das Verhältnis zum Schah bereits verändert; zugleich wuchs in Washington die Furcht vor Chaos, Bürgerkrieg, einem Militärputsch oder einem Nutzengewinn Moskaus. Aber gerade aus dieser Komplexität erwächst keine Entlastung, sondern eine andere Form der Verantwortung. Wer jahrzehntelang mit einem Regime eng arbeitet, trägt für dessen Zerfall nicht erst Verantwortung, wenn er den Sturz aktiv betreibt. Er trägt sie schon dann, wenn er im Augenblick der Auflösung keine klare, belastbare Strategie mehr besitzt und zwischen Distanz, Druck, Zaudern und Improvisation schwankt.

 

Valery Giscard d’Estaing und James Callaghan passen in dasselbe Bild. Frankreich bot den Ort, von dem aus Chomeini agieren konnte; Großbritannien kam aus einer langen Geschichte imperialer Verstrickung und sah den Iran ebenfalls durch die Brille der Stabilität, Energie und Blocklogik. Keiner der vier wollte offiziell eine theokratische Diktatur. Aber keiner entwickelte eine ernsthafte Schutzarchitektur für jene Kräfte, die weder den zerfallenden Hofstaat noch den klerikalen Totalismus repräsentierten. Die säkulare Mitte, liberale Nationalisten, verfassungsorientierte Kräfte, Teile der Technokratie und andere nichtklerikale Milieus wurden in dieser Phase nicht mit dem Gewicht behandelt, das ihrer historischen Bedeutung entsprochen hätte.

 

Genau hier liegt der Satz, den man journalistisch sauber und politisch scharf zugleich formulieren muss: Guadeloupe war nicht die Geburtsstunde der Mullah-Herrschaft, aber ein Knotenpunkt westlicher Verantwortung für die Leerstelle, in die diese Herrschaft stoßen konnte. Es ist der Unterschied zwischen aktiver Installation und fahrlässiger Freiräumung. Dieser Unterschied ist wichtig – juristisch, historisch und intellektuell. Aber er entlastet die Beteiligten nicht. Denn wer eine bestehende Ordnung abschreibt, ohne die Kräfte zu verstehen, die den freiwerdenden Raum dominieren werden, handelt nicht neutral. Er handelt folgenblind.

Dass man diese Folgenblindheit später beschönigte, gehört zur zweiten Schicht des Problems. Aus dem politischen Abschreiben des Schahs wurde in westlichen Erzählungen nachträglich gern eine Art Sachzwang. Man habe es eben nicht besser wissen können; die Revolution sei unaufhaltsam gewesen; Chomeinis wirkliche Absichten seien für niemanden sichtbar gewesen. Solche Sätze enthalten Körner der Wahrheit, aber sie funktionieren oft als moralische Weißwaschung. Denn der Westen wusste sehr wohl, dass die Lage höchst explosiv war, dass der Hof kollabierte, dass der Klerus Mobilisierungskraft besaß und dass ein unkontrollierter Übergang enorme Risiken barg. Was fehlte, war nicht jede Information. Was fehlte, war die Bereitschaft, mit dieser Information eine nichtklerikale Zukunft überhaupt zum strategischen Ziel zu machen.

 

Für Helmut Schmidt und die SPD ist das besonders heikel, weil deutsche Debatten die eigene Rolle im Iran traditionell stark unterschätzt haben. Die Bundesrepublik erscheint in vielen Rückblicken nur als Zuschauerin amerikanischer oder britischer Entscheidungen. Das greift zu kurz. Bonn war Teil des westlichen Führungskreises. Schmidt war kein Statist, sondern Teilnehmer jener Runde, in der politische Wirklichkeit nicht nur besprochen, sondern gerahmt wurde. Gerade deshalb muss man sagen: Die Sozialdemokratie trägt nicht die Urschuld von 1953, wohl aber Mitverantwortung für den Mangel an strategischer Klarheit 1979. Nicht als geheim operierende Mullah-Partei, sondern als Teil eines westlichen Establishments, das das Ende der Monarchie akzeptierte, ohne die Freiheit danach ernsthaft zu organisieren.

 

Guadeloupe bleibt darum ein Prüfstein des politischen Urteils. Nicht weil dort jeder Hebel offen zu sehen wäre, sondern weil dort eine Haltung sichtbar wird: Müdigkeit gegenüber dem alten Verbündeten, Unsicherheit gegenüber der Revolution, geringe Vorstellungskraft für die freiheitliche Mitte und ein fataler Hang, das Kommende erst dann wirklich zu verstehen, wenn es bereits über den eigenen Kategorien zusammengebrochen ist. Wer diesen Punkt beschönigt, versteht die iranische Tragödie nur halb.

 

 

Die nukleare Akte – reale Gefahr, unsaubere Kriegsbegründung

 

Kaum ein Punkt wird im gegenwärtigen Streit so grob verzerrt wie die Nuklearfrage. Das eine Lager behandelt sie als bloßen Vorwand westlicher Kriegspolitik. Das andere nutzt sie als universalen Freibrief, mit dem sich fast jede militärische Eskalation begründen lasse. Beides ist analytisch schwach. Die dokumentierte Lage ist ernst – und gerade deshalb muss man sie präzise lesen.

 

Die IAEA-Berichte der letzten Jahre zeichnen ein Bild wachsender Besorgnis. Reuters berichtete Ende Mai 2025 unter Verweis auf einen IAEA-Bericht, Iran habe geheime Aktivitäten mit nicht deklariertem nuklearen Material betrieben. Ende Februar 2026 meldete Reuters dann auf Basis eines weiteren IAEA-Berichts, Iran habe vor den Angriffen des Vorjahres 440,9 Kilogramm Uran mit bis zu 60 Prozent Anreicherung in einer tief verbunkerten Anlage gelagert. Nach IAEA-Maßstab reicht ein solcher Bestand, wenn weiter angereichert, für zehn Kernwaffen. Hinzu kommt: Für eine Anreicherung auf 60 Prozent gibt es nach übereinstimmender westlicher und IAEA-Argumentation keine glaubwürdige zivile Begründung. Wer diese Fakten einfach wegredet, ersetzt Recherche durch Gesinnung.

 

Und doch liefert dieselbe Quellenlage Gründe für Skepsis gegenüber der Totalität der Kriegsbegründung. Reuters berichtete bereits im Sommer 2025, US-Geheimdienste hätten vor früheren Angriffen keine Belege dafür gesehen, dass Teheran tatsächlich die Schritte zum Bau einer Bombe unternommen habe. Auch in der jetzigen Krise steht nicht jeder alarmierende Befund automatisch für eine unmittelbar bevorstehende einsatzfähige Waffe. Hochanreicherung ist gefährlich; sie ist aber nicht identisch mit fertiger Nuklearbewaffnung. Zwischen Vorrat, möglicher weiterer Anreicherung, Waffendesign, Integrationsarbeit und einsatzfähigem System liegen relevante Stufen.

 

Diese Unterscheidung ist keine Spitzfindigkeit, sondern der Kern nüchterner Urteilsbildung. Gerade weil das iranische Regime wiederholt getäuscht, verschleiert und international Vertrauen zerstört hat, muss man die Schwelle zwischen schwerer Proliferationsgefahr und unmittelbar bevorstehender Bombe umso exakter ziehen. Sonst verwandelt sich Nichtwissen in einen Blankoscheck. Und genau diese Gefahr zeigt sich in der politischen Kommunikation rund um den Krieg von 2026.

 

Denn parallel zu den alarmierenden Nuklearbefunden existierten bis kurz vor Kriegsbeginn diplomatische Kanäle. Reuters berichtete am 24. Februar 2026, Iran sei bereit zu „allen notwendigen Schritten“, um einen Deal mit den USA zu erreichen. Zwei Tage später meldete Reuters die Wiederaufnahme von Gesprächen in Genf, vermittelt von Oman. Man muss diese Diplomatie nicht idealisieren. Teheran hat Verhandlungen in der Vergangenheit häufig taktisch genutzt, Zeit gewonnen und Unklarheit produziert. Aber es bleibt eine harte Tatsache, dass das Verhandlungsfenster noch nicht restlos geschlossen war. Der Krieg fiel also nicht in einen Moment totaler diplomatischer Leere, sondern in einen Moment offener, wenn auch fragiler Kanäle.

 

Zusammen mit den Reuters-Berichten über Kongressbriefings ergibt sich ein aufschlussreicher Doppelbefund. Einerseits konnte Washington mit realer Sorge über das Nukleardossier argumentieren. Andererseits fehlte laut Reuters der Nachweis eines unmittelbar geplanten iranischen Erstschlags gegen US-Kräfte. Diese Kombination verändert die moralische Architektur des Krieges. Man kann dann immer noch sagen: Der Schlag sei präventiv, strategisch notwendig oder aus Sicht amerikanischer Planer langfristig rational gewesen. Was man nicht mehr so leicht sagen kann, ist: Er sei die einzig denkbare Reaktion auf eine bereits unmittelbar losschlagende Gefahr gewesen.

 

Genau an dieser Stelle beginnt die investigative Pflicht. Sie besteht nicht darin, die Nuklearfrage kleinzureden, nur weil westliche Regierungen sie nutzen. Sie besteht darin, die politische Verwendung einer realen Gefahr offenzulegen. Eine ernsthafte Proliferationslage kann in der Sprache der Politik zu einer Erzählung verdichtet werden, die alle Grauzonen ausblendet: die Differenz zwischen Fähigkeit und Entscheidung, zwischen Vorrat und Waffe, zwischen chronischer Gefahr und akuter Schwelle, zwischen Verhandlungsmöglichkeit und endgültigem Scheitern. Je mehr diese Grauzonen verschwinden, desto einfacher wird aus einem strategischen Angriff eine moralische Zwangshandlung.

 

Dabei ist das Nukleardossier zugleich Ergebnis und Beschleuniger der langen Zerrüttungsgeschichte zwischen Iran und dem Westen. Nach 1953 prägte sich im iranischen Staatsdenken tief ein, dass westliche Zusicherungen zweckgebunden und revidierbar sind. Nach 1979 und erst recht nach den Sanktionsjahren lernte das Regime, Verwundbarkeit in strategische Mehrdeutigkeit zu übersetzen. Das Resultat ist ein Teufelskreis: Der Westen misstraut Iran wegen seines Täuschens; Iran misstraut dem Westen wegen seiner Interventionsgeschichte; beide Seiten produzieren dadurch immer neue Rechtfertigungen für genau das Verhalten, das die andere Seite am meisten fürchtet.

 

Am Ende bleibt die nüchterne, unbequeme Formel: Das iranische Nuklearprogramm ist gefährlich genug, um niemandem Entwarnung zu erlauben – aber die dokumentierte Quellenlage reicht nicht aus, um jede Kriegsbehauptung als selbstevidente Notwehr zu adeln. Wer dieses Spannungsverhältnis sauber aushält, argumentiert weder für das Regime noch für die Bombardierung. Er argumentiert für Wirklichkeit. Und genau diese Wirklichkeit ist unerquicklich: Das Problem war real. Die Entscheidung für den Krieg war dennoch eine politische Wahl.

 

 

9. Moskau, Peking, BRICS: Schutzschirm, Lebensader, aber kein Rettungsengel

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