Warum unsere Vorstellung von Leben, Mikroben und Intelligenz gerade explodiert
Ein wissenschaftlich sensationeller und hochspannender Artikel – von Andreas Manousos
Wir können auf den Mars fliegen.
Wir können Atome manipulieren, Gensequenzen editieren, Quantenchips bauen.
Aber wir können bis heute nicht erklären, wie die Billionen von Bakterien in unserem Darm – unser sogenanntes „zweites Gehirn“ – mit den Zellen der Darmschleimhaut kommunizieren.
Wir verstehen nicht ihre Sprache.
Wir kennen nicht ihre Grammatik.
Wir wissen nicht einmal, ob wir jemals in der Lage sein werden, sie zu verstehen.
Und mitten in diese wissenschaftliche Sprachlosigkeit platzte Anfang 2024 eine Entdeckung, die so tiefgreifend ist, dass man sie – ohne Übertreibung – als Erschütterung der biologischen Grundlagen bezeichnen muss.
Die Obelisken – kein Leben, aber auch kein Nicht-Leben
Ein internationales Forschungsteam um Nobelpreisträger Andrew Fire veröffentlichte eine Studie, die eine neuartige biologische Entität beschreibt: die Obelisken.
Diese Strukturen sind nicht größer als 1.000 Nukleotide – also etwa so groß wie die kleinsten bekannten Viren – und doch sind sie grundlegend anders.
Obelisken haben keine Zellstruktur, kein Genom im klassischen Sinne, keine DNA, keine Proteinhülle, keinen eigenen Stoffwechsel – aber sie replizieren sich, reagieren auf Umweltreize und kodieren ein unbekanntes Protein namens Oblin.
Sie sind kein Virus, kein Viroid, kein Prion, kein Bakterium, keine Zelle.
Sie sind etwas völlig Neues.
Sie sind mitten unter uns – und wir wussten es nicht
Diese Obelisken wurden bei Menschen gefunden. Nicht in seltenen Fällen – sondern massenhaft.
In über 50 % aller untersuchten Speichelproben, in etwa 7 % der Stuhlproben.
Weltweit wurden mehr als 29.000 verschiedene Obelisken-Varianten identifiziert.
Und niemand hatte sie je bemerkt.
Warum?
Weil sie nicht wie Viren aussehen,
weil sie keine Hülle haben,
weil sie nicht in die bekannten Klassifikationssysteme passen.
Sie leben im Schatten der molekularen Wahrnehmung – wie ein biologisches Echo aus einer Zeit vor der Definition des Lebens.
Leben ohne Genom? Leben ohne Zweck?
Die wissenschaftliche Welt reagierte mit einer Mischung aus Begeisterung, Irritation und leiser Panik.
Denn die Obelisken verletzen alle klassischen Kriterien für Leben – und zeigen doch Lebensähnlichkeit:
Sie sind strukturiert, sie reagieren, sie replizieren sich – unter bestimmten Bedingungen.
Aber sie besitzen keine DNA, keinen eigenen Apparat, keine Zellwand.
Und damit wird eine Frage unausweichlich:
Was ist Leben überhaupt?
Noch beunruhigender ist eine andere:
Warum sind diese Dinger in uns – und was tun sie dort?
Kein Mensch weiß, was sie da tun – aber sie sind nicht zufällig da
Das menschliche Mikrobiom ist kein chaotischer Sammelplatz.
Es ist ein fein abgestimmtes Ökosystem, ein molekulares Konzert aus Billionen Stimmen, das unser Immunsystem, unseren Stoffwechsel, unsere Psyche beeinflusst.
In einem solchen System gibt es keine Platzverschwendung.
Was dort dauerhaft existiert, hat eine Funktion – oder wurde wenigstens toleriert, weil es nicht stört.
Auch wissen Ärzte und Wissenschaftler nicht, welche Schäden und in welchem Ausmaß etwa durch Antibiotika, Chemotherapie, radioaktive Bestrahlung (z. B. bei Krebs) oder andere Eingriffe entstehen – schlicht deshalb, weil sie die spezifischen Rollen der einzelnen Darmbesiedler und Entitäten nicht kennen.
Es ist nicht klar, welche Funktion ein Bakterium erfüllt, welche Wechselwirkungen bestehen, welche Signale ausgelöst werden, wenn man eingreift – man behandelt im Blindflug.
Auf diese Art und Weise entstehen „Ungleichgewichte“ im Körper,
die zu chronischen Erkrankungen,
Fettleibigkeit,
Depressionen,
Magersucht
und anderen unangenehmen, suboptimalen Folgen führen können.
Und hier wird es ernst.
Denn die Obelisken sind dort,
sie vermehren sich mit Hilfe von Bakterien,
sie interagieren vermutlich mit der mRNA anderer Mikroben,
vielleicht beeinflussen sie sogar, welche Proteine im Darm wann gebildet werden.
Aber:
Wir wissen es nicht.
Und vielleicht werden wir es nie wissen.
Was passiert nach der Antibiotika-Einnahme – und was fehlt danach für immer?
Antibiotika wirken wie eine Bombe im Mikrobiom.
Sie eliminieren nicht nur krankmachende Keime, sondern reißen auch das komplexe, fein abgestimmte Gleichgewicht der nützlichen Mikroorganismen nieder – oft flächendeckend.
Ein großer Teil des natürlichen Mikrobioms zerfällt schlagartig.
Und viele sagen dann:
„Kein Problem, wir nehmen Probiotika.“
Doch hier beginnt die nächste Illusion.
Denn Probiotika bestehen meist aus wenigen industriell gezüchteten Stämmen – Lactobacillus, Bifidobacterium, vielleicht ein Saccharomyces.
Was sie nicht wiederherstellen, ist das individuelle Mikrobiom-Spektrum, das zuvor über Jahrzehnte gewachsen ist:
ein drittes, funktionales Spektrum, das in der Lage war:
– komplexe Verdauungsprozesse zu steuern,
– Zellreparatur und Zellaustausch zu koordinieren,
– Zellreplikation in gesundem Gewebe zu regulieren,
– immunologische, neuronale und hormonelle Signaltransfers zu vermitteln.
Dieses Spektrum ist nicht im Joghurtbecher enthalten.
Es entsteht nicht durch Kapseln – und oft nicht mehr von selbst.
Und jetzt kommt die entscheidende, bisher nicht gestellte Frage:
Was ist mit den Obelisken?
Sie wurden in großer Vielfalt im Mikrobiom nachgewiesen –
weltweit, bei tausenden Menschen, in über 29.000 Varianten.
Sie sind in ihrer Existenz an bestimmte bakterielle Umgebungen gebunden.
Sie könnten – so die Hypothese – eine regulatorische oder enzymatische Funktion haben,
vielleicht sogar eine essenzielle Rolle bei der Nahrungsverwertung und der Versorgung mit den 90 Mikronährstoffen spielen.
Aber wenn das Mikrobiom zerstört wird –
dann verschwinden auch die Obelisken.
Und mit ihnen vielleicht:
– ein verlorenes molekulares Steuerungssystem,
– eine nicht erkennbare biologische Schnittstelle,
– eine Struktur, die wir nie wieder rekonstruieren können.
Was also, wenn die Zerstörung des Mikrobioms nicht nur Mikroben tötet,
sondern eine gesamte biologische Sprache auslöscht,
deren Grammatik wir nie gelernt haben –
aber die vielleicht für das Leben selbst essenziell war?
Die Perversion des Fortschritts
Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch:
Wir bauen Hyperschallraketen, schicken Sonden zum Saturn, spielen Gott im Genom –
aber wir haben keine Ahnung,
wie die Mikroorganismen im Darm mit den Epithelzellen sprechen,
welche Moleküle sie senden,
welche Sprache sie verwenden,
welche Grammatik sie nutzen.
Wir wissen nicht einmal, was wir überhaupt nicht wissen.
Es ist die Perversion des Fortschritts:
Wir kartieren fremde Planeten – aber verstehen unseren eigenen Darm nicht.
Wenn Krankheit eintritt – und die Antwort die Zerstörung ist
Nehmen wir ein Beispiel, das Angst auslöst.
Krebs.
Ein Schockwort. Eine Diagnose, die oft mit einem Todesurteil gleichgesetzt wird.
Und was tut die moderne Onkologie?
Sie vergiftet den Körper. Systematisch. Geplant. Mit Ansage.
Chemotherapie und radioaktive Bestrahlung – das sind die Hauptwaffen der Schulmedizin.
Beides ist nicht zielgerichtet,
beides ist zellzerstörend,
beides trifft die gesunden Strukturen zuerst – insbesondere den Darm.
Denn der Darm – dieser lebendige, bakterienreiche, höchst empfindliche Organismus im Organ –
hat eine enorm hohe Zellteilungsrate.
Und genau diese Zellen sind das erste Ziel jeder Chemotherapie.
Der erste, der fällt, ist der Darm.
Und mit ihm die Nährstoffaufnahme, die Immunregulation, die psychische Stabilität, die Barrierefunktion.
Was bleibt, ist ein ausgemergelter Körper –
die klassische Erscheinung nach zwei, drei Chemotherapien:
abgemagert, kachektisch, kraftlos.
Gesicht eingefallen, Augen stumpf, Muskelmasse kollabiert.
Und dann werden sie palliativ „versorgt“ – mit Zuckerproteindrinks,
weil nichts mehr aufgenommen wird, weil die Darmwand zerstört ist,
weil der Mensch auf Zellebene nicht mehr leben kann.
Und jetzt stell dir Folgendes vor:
Was wäre, wenn der Darm gesund gewesen wäre?
Wenn das Mikrobiom intakt, die Versorgung vollständig, das Immunsystem stabil gewesen wäre?
Wenn die 90 essentiellen Nährstoffe täglich vollständig zur Verfügung gestanden hätten?
Wäre es dann überhaupt so weit gekommen?
Die Widersprüche der Wissenschaft, die wir festgehalten haben
- Obelisken als Hinweis auf außerirdisches Leben, obwohl sie auf Bakterien angewiesen sind
→ Widerspruch: Sie können nicht ohne Bakterien existieren - Obelisken als mögliche Urform des Lebens, obwohl sie bakteriell abhängig und funktional sekundär sind
→ Widerspruch: Sie kamen nach den Bakterien, nicht vorher - Obelisken als minimalistische Entität sensationell dargestellt, obwohl RNA-Viren mit nur 900 Nukleotiden schon seit Jahrzehnten bekannt sind
→ Widerspruch: Größe allein ist nicht außergewöhnlich - Gleichsetzung von autokatalytischen Netzwerken mit Replikationssystemen
→ Widerspruch: Katalyse ≠ Replikation; kein Informationsspeicher, keine Vererbung - Behauptung molekularer Eigenständigkeit, obwohl Obelisken ohne bakterielle Enzyme funktionsunfähig sind
→ Widerspruch: keine Autonomie, keine Selbstvermehrung ohne Wirt
Die Welt ist nicht das, was wir sehen
Wir leben in einer Zeit, in der wir alles messen können – aber nur das messen, was wir auch suchen.
Und wir suchen nur, was wir begreifen.
Doch das Leben hat sich nie darum geschert, was wir für vollständig hielten.
Die Obelisken zeigen uns etwas, das wir verlernt haben:
Die Realität endet nicht dort, wo unsere Modelle aufhören – sie beginnt dort.
Sie zeigen, dass Leben, wie wir es definieren, kein abgeschlossenes Konzept, sondern ein unscharfer Übergang ist.
Zwischen Struktur und Funktion, zwischen Ordnung und Dynamik, zwischen Fremdem und Eigenem.
Was diese stummen, zelllosen RNA-Gebilde tun, wissen wir nicht.
Ob sie an der Verdauung mitwirken, an der Mikronährstoffverwertung, an Immunreaktionen, an neuronaler Regulation – wir wissen es nicht.
Aber dass sie da sind – und dass sie in gesunden Körpern vorkommen – steht fest.
Vielleicht sind sie das, was uns fehlt, wenn das System kippt.
Vielleicht sind sie Teil der Sprache, die zwischen Bakterien, Schleimhautzellen, Enzymen und Immunzellen gesprochen wird – aber für uns unhörbar bleibt.
Vielleicht sind sie einfach nur das, was wir lange nicht mehr erkannt haben: etwas Natürliches, das wir nicht erfunden haben.
Wer sich mit molekularer Biologie, Onkologie und Immunologie beschäftigt, kennt das Gefühl:
Je tiefer man schaut, desto fremder wird das, was man sieht.
Nicht weil es künstlich ist – sondern weil es organisch ist auf eine Weise, die jenseits unserer Formeln liegt.
Die Obelisken erinnern uns an unsere Grenzen.
Nicht, um uns zu entmutigen, sondern um uns wieder zu lehren, wo die Wissenschaft aufhört – und wo das Staunen beginnt.
Das ist keine Schwäche.
Das ist der Anfang von Erkenntnis.