ANNA LAPWOOD – DIE GÖTTIN AM INSTRUMENT DES HIMMELS

KI-generierte Illustration nach Ansichten der Royal Albert Hall und ihrer Orgel. Die dargestellte Szene mit Anna Lapwood ist keine Originalaufnahme

WER HAT DIE KÖNIGIN DER INSTRUMENTE ERFUNDEN? DIE GENIALEN GRIECHEN – UND BYZANZ GAB SIE DEM WESTEN ZURÜCK

Ein medienkulturwissenschaftlicher Essay – von Andreas Manousos

1. August 2026 | Lesezeit: etwa 26 Minuten

Als ich zum ersten Mal eine Aufnahme von Anna Lapwood sah, galt mein erster Gedanke gar nicht der Musik. Es war das Größenverhältnis. Vor dem Spieltisch einer Orgel, die sich über mehrere Stockwerke erhebt, saß eine junge Frau von knapp 1,60 Metern. Über ihr ragten Pfeifen wie silberne Türme in den Saal. Der Spieltisch wirkte wie die Kommandozentrale eines Kraftwerks. Solange das Instrument schwieg, schien es den Menschen vor sich erdrücken zu können.

Dann legte Anna Lapwood die Hände auf die Tasten. Ihre Füße nahmen das Pedalwerk auf. Innerhalb eines Augenblicks kehrte sich das Verhältnis um. Die Orgel beherrschte nicht mehr den Raum. Anna Lapwood beherrschte die Orgel.

Eine Aufnahme überträgt davon nur einen Schatten. Man sieht ihre Hände über mehrere Manuale laufen und verfolgt die Bewegungen ihrer Füße. Man hört den Ton über Kopfhörer oder Lautsprecher. Der wirkliche Vorgang ereignet sich jedoch dort, wo echter Wind durch Tausende Pfeifen fährt und ein ganzes Bauwerk zu antworten beginnt.

Das Publikum spürt diesen Unterschied. Es wartet auf den Augenblick, in dem die großen Register öffnen. Dann kommt der Ton aus der Höhe, zieht durch das Gewölbe und kehrt von den Wänden zurück. Die tiefsten Pfeifen setzen Luftmassen in Bewegung, die den Körper erreichen. Sitze reagieren. Der Boden scheint mitzuschwingen. Der Hörer sitzt plötzlich nicht mehr vor einer Schallquelle. Er befindet sich mitten in ihr.

Besonders eindrucksvoll wird das, wenn Lapwood Johann Sebastian Bach spielt. Die ersten Töne der Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 fahren wie ein Ruf durch den Saal. Das Motiv ist innerhalb eines Augenblicks erkannt. Die Läufe brechen über die Manuale herein, die Spannung wächst, dann stürmt die volle Orgel in den Raum. Das Publikum reagiert mit einem Jubel, den man noch vor wenigen Jahren eher bei einem großen Rockkonzert erwartet hätte.

Anna Lapwood führt Bach gelegentlich direkt in die Gegenwart. Bei einem Abend von Ministry of Sound Classical in der Royal Albert Hall verband sie die berühmte d-Moll-Toccata mit „Insomnia“ von Faithless. Auf den Aufnahmen sieht man, wie der voll besetzte Saal ausbricht. Bachs Musik trägt die Energie des Dance-Klassikers, als hätte sie drei Jahrhunderte auf genau diesen Augenblick gewartet.

Dieser Vorgang erklärt einen Teil ihres ungeheuren Erfolges. Lapwood macht aus der Orgel wieder ein Ereignis. Menschen entdecken sie im Internet, sehen die nächtlichen Aufnahmen aus der Royal Albert Hall und wollen danach erleben, was ein Telefonlautsprecher niemals liefern kann. Sie reisen zu ihren Konzerten, füllen Kirchen und kaufen die großen Säle leer.

So begann für mich die zweite Frage: Woher stammt dieses Instrument, dessen Klang selbst moderne Technik kaum glaubhaft in einen anderen Raum übertragen kann?

Die Spur führt weit über Bach hinaus. Sie verläuft durch die großen Werkstätten des europäischen Orgelbaus, erreicht den Kaiserhof von Konstantinopel und endet schließlich im hellenistischen Alexandria. Dort schuf der griechische Ingenieur Ktesibios vor mehr als 2.200 Jahren den technischen Ahnen jener gewaltigen Instrumente, vor denen Anna Lapwood heute sitzt.

Die Königin der Instrumente ist eine griechische Erfindung.

Und das griechischsprachige Byzantinische Reich sorgte dafür, dass der Westen sie wieder hören konnte.

 

 

TEIL I: ANNA LAPWOOD – ALS DIE ORGEL PLÖTZLICH EINEN ROCKSTAR BEKAM

Die junge Engländerin vor einem Klanggebirge

Anna Lapwood wurde am 28. Juli 1995 in High Wycombe geboren, einer Stadt in der englischen Grafschaft Buckinghamshire. Seit wenigen Tagen ist sie 31 Jahre alt. Der Guardian gibt ihre Körpergröße mit fünf Fuß drei Zoll an, was ungefähr 1,60 Metern entspricht. Vor den Instrumenten, auf denen sie inzwischen spielt, wirkt sie beinahe zierlich. Die große Henry-Willis-Orgel der Royal Albert Hall ist etwa 21 Meter hoch, fast 20 Meter breit und besitzt 9.999 Pfeifen.

Das Bild täuscht über die körperliche Leistung hinweg. Eine Organistin spielt oft auf mehreren Manualen. Gleichzeitig führen beide Füße eine eigenständige musikalische Stimme. Hinzu kommen Registerwechsel und Schwelltritte. Bei einem Konzert mit Orchester muss Lapwood dem Dirigenten folgen, obwohl ihr Spieltisch häufig weit von der Bühne entfernt steht. In großen Räumen erreicht der zurückkehrende Klang die Orgelempore mit einer spürbaren Verzögerung.

All das geschieht gleichzeitig. Die Musikerin liest eine komplexe Partitur, formt den Klang und hält das gesamte Werk zusammen. Der Kopf arbeitet voraus, während Hände und Füße unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Bei Lapwood verschwindet diese Schwerstarbeit im Augenblick der Aufführung. Was für Außenstehende kaum noch durchschaubar ist, wirkt unter ihren Händen wie Instinkt.

Ihre Ausbildung begann lange vor dem Weltruhm. Am Magdalen College in Oxford erhielt sie als erste Frau in der 560-jährigen Geschichte des Hauses ein Orgelstipendium. Das Studium schloss sie mit Bestnote ab. Im Jahr 2016 übernahm sie mit 21 Jahren die musikalische Leitung am Pembroke College in Cambridge. Noch nie zuvor war an einem College in Oxford oder Cambridge ein so junger Mensch auf eine entsprechende Position berufen worden. Für ihre Verdienste um die Musik erhielt sie im Rahmen der britischen Neujahrsehrungen 2024 den Ordenstitel MBE. Seit 2025 ist sie die erste offizielle Organistin der Royal Albert Hall.

Das ist die Laufbahn einer hochqualifizierten Musikerin. Ihr öffentlicher Aufstieg sieht trotzdem aus wie eine plötzliche Erscheinung.

Jahrelang arbeitete sie in jener Welt, die außerhalb der klassischen Musik kaum jemand wahrnimmt. Dann tauchten ihre nächtlichen Aufnahmen aus der Royal Albert Hall auf. Nach dem Ende einer Veranstaltung stieg sie zur Orgelempore hinauf und übte mitunter bis fünf oder sechs Uhr morgens. Der große Saal war leer. Die „Voice of Jupiter“ gehörte ihr allein.

Millionen Menschen sahen diese Videos. Sie begegneten keiner unnahbaren Virtuosin, die ihr Wissen wie ein Geheimnis hütete. Lapwood erklärte den Aufbau der Orgel, sprach über Klangfarben und zeigte, wie Filmmusik für dieses Instrument eingerichtet wird. Dabei wirkte sie so begeistert, als entdecke sie die Orgel selbst gerade neu.

Der Guardian nannte sie 2025 die heißeste Erscheinung der klassischen Musik. Die Sydney Symphony wählte ein noch größeres Bild: Gelegentlich schlage eine neue Persönlichkeit wie ein Komet durch die Atmosphäre der Klassik. Anna Lapwood sei dieses jüngste Phänomen und bereits ein globaler Superstar.

Diese Formulierungen treffen den Eindruck ihres Aufstiegs. Die jahrelange Ausbildung verschwand hinter einer Karriere, die für die Welt scheinbar über Nacht explodierte.

 

Achtzehn Stunden bis zum Durchbruch

Im Mai 2022 übte Lapwood in der Royal Albert Hall, während der britische Elektronikkünstler Bonobo dort eine mehrtägige Konzertserie spielte. Mitglieder seiner Band hörten die Orgel und suchten nach der Quelle des Klanges.

Was danach geschah, klingt wie eine jener Musikgeschichten, die später von einer Werbeagentur erfunden werden. Sie ist tatsächlich passiert.

Innerhalb weniger Stunden entstand ein Orgelpart für Bonobos Stück „Otomo“. Achtzehn Stunden nach der Begegnung saß Lapwood am Spieltisch und spielte beim Abschlusskonzert vor rund 5.000 Menschen. Die Orgel legte sich über die elektronische Musik und verlieh ihr eine körperliche Tiefe, die der ganze Saal spürte. Das Video erreichte ein Millionenpublikum.

Für Lapwood wurde dieser Auftritt zu einem Wendepunkt. Die Orgel war plötzlich Teil einer Musikszene, in der man sie kaum erwartet hatte. Bonobo bekam einen Klang, den kein gewöhnlicher Synthesizer ersetzen konnte. Lapwood erreichte Menschen, die an diesem Abend vermutlich keine Eintrittskarte für ein traditionelles Orgelkonzert gekauft hätten.

Von nun an kamen die großen Namen. Sie spielte mit AURORA und Bonobo. Florence + the Machine sowie Raye traten ebenfalls mit ihr auf. Bei „Letters Live“ begleitete sie Benedict Cumberbatch. Der italienische Komponist Ludovico Einaudi hörte sie während einer nächtlichen Probe und setzte sich spontan zu ihr. Tom Cruise erhielt nach einer Aufführung von „Top Gun: Maverick“ eine kurze Einführung in das Instrument. Auch die Musikerinnen von Wet Leg fanden den Weg zur Empore.

Diese Episoden wirken unterhaltsam. Sie zeigen zugleich, welche Anziehungskraft von Lapwoods Arbeitsplatz ausgeht. Künstler hören den Klang in den Korridoren der Royal Albert Hall und wollen wissen, wer dort oben spielt.

Lapwood erscheint dann hinter dem Spieltisch, oft kaum sichtbar für das Publikum. Einige Töne später hat sie den gesamten Saal in der Hand.

Ihre Karriere reicht inzwischen weit über spontane Kooperationen hinaus. Sie spielte mit dem London Symphony Orchestra und wurde Featured Artist beim Hallé Orchestra. Der Komponist Max Richter schrieb sein großes Orgelkonzert „Cosmology“ für sie. Kristina Arakelyan schuf eine Toccata, die Lapwoods Spielfreude mit einem großen sinfonischen Klangkörper verbindet. Neue Werke entstehen heute mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Art des Musizierens im Kopf.

Das ist ein wichtiges Merkmal ihres Ranges. Ein Star spielt bekannte Musik. Eine prägende Künstlerin sorgt dafür, dass neue Musik geschrieben wird.

 

Wenn das Genie Bach einen Dance-Abend erobert

Der Name Johann Sebastian Bach besitzt in der Orgelmusik eine kaum erreichbare Größe. Ktesibios erfand das technische Prinzip. Viele Generationen entwickelten es weiter. Bach erkannte schließlich, welche musikalische Welt in diesem Instrument verborgen lag.

Seine Fugen wachsen wie große Bauwerke. Eine Stimme tritt hervor, eine zweite nimmt den Gedanken auf. Der Klang weitet sich aus, ohne seine innere Ordnung zu verlieren. Hände und Füße führen eigenständige Linien, die sich gegenseitig verfolgen und am Ende ein Ganzes bilden, das größer erscheint als der einzelne Mensch.

Die Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 ist zum weltweiten Erkennungszeichen dieses Instruments geworden. Wenige Töne genügen. Selbst Menschen, die den Titel des Werkes nicht kennen, wissen sofort, was sie hören.

Lapwood spielt diesen Beginn mit einer Entschlossenheit, die jede museale Ehrfurcht sprengt. Die Toccata kommt bei ihr nicht aus einer fernen Epoche. Sie fährt in die Gegenwart. Der erste Ruf schlägt ein, die Läufe lösen sich von den Manualen, und die Orgel antwortet aus dem ganzen Gebäude.

Bei Ministry of Sound Classical führte Lapwood die Toccata in „Insomnia“ von Faithless. Der Übergang ist weit mehr als eine gefällige Mischung zweier bekannter Stücke. Er legt offen, wie modern Bachs Dramatik geblieben ist. Der Aufbau der Spannung, das Warten auf den großen Einsatz und die körperliche Wirkung der tiefen Register gehören zu beiden Welten.

Das Publikum versteht diesen Zusammenhang sofort. Es braucht keine musikwissenschaftliche Einführung. Der ganze Saal wartet auf die Entladung und bricht los, sobald sie kommt.

Bach wird dabei nicht zum Vorspann eines Dance-Hits herabgesetzt. Seine Musik trägt die Szene. Sie besitzt jene elementare Gewalt, die nach Jahrhunderten keinen Verstärker und keine modische Verpackung benötigt. Lapwood lässt sie wieder frei.

Darin zeigt sich ihre besondere Begabung. Sie holt keine vermeintlich alte Musik in die Gegenwart. Sie beweist, dass diese Musik die Gegenwart nie verlassen hat.

Bach gab der Orgel ihre unsterbliche Sprache. Anna Lapwood sorgt dafür, dass Millionen Menschen diese Sprache neu hören.

 

Knapp 1,60 Meter vor 33.112 Pfeifen

Die Orgel der Royal Albert Hall ist bereits ein Monument. Ihr Prospekt erhebt sich wie eine eigene Architektur über den Saal. Hinter den sichtbaren Pfeifen liegt ein weit verzweigtes Instrument, dessen Windversorgung und technische Steuerung kaum noch von einem einzigen Blick erfasst werden können.

Seit ihrer Ernennung zur offiziellen Organistin steht Lapwood institutionell für dieses Haus. Der Guardian schrieb nach ihrem ausverkauften Konzert im Mai 2025, die lange zu wenig genutzte Orgel habe endlich jemanden gefunden, der groß genug sei, sie zum Leben zu erwecken. Der Satz spielt mit ihrer tatsächlichen Körpergröße. Die knapp 1,60 Meter große Musikerin besaß an diesem Abend eine Präsenz, die den gesamten Rundbau füllte. Der Kritiker verglich ihre Wirkung als Vermittlerin klassischer Musik sogar mit Leonard Bernstein.

Im März 2026 folgte das Sydney Opera House. Seine Grand Organ umfasst 10.244 Pfeifen und gilt als größte mechanische Schleifladenorgel der Welt. Zehn Jahre dauerte einst ihr Bau. Das Instrument ist fest mit der Architektur des Opernhauses verbunden und verlangt eine Spieltechnik, bei der der mechanische Weg von der Taste bis zum Ventil unmittelbar spürbar bleibt.

Lapwood setzte sich an diesen Spieltisch und behandelte die gewaltige Maschine mit derselben sichtbaren Freude, die ihr Publikum aus den nächtlichen Londoner Aufnahmen kennt. Die australischen Gastgeber bezeichneten sie bereits vor der Residenz als globalen Superstar. Zwei Soloabende standen neben großen Orchesterprogrammen. Ihre Aufgabe reichte vom intimen Einzelton bis zu Saint-Saëns’ Orgelsinfonie, deren Schluss einen Konzertsaal in eine Welle aus Klang verwandelt.

Am 1. Mai 2026 folgte die Midmer-Losh-Orgel in der Boardwalk Hall von Atlantic City. Sie ist das größte gebaute Musikinstrument der Erde. Das Werk besitzt offiziell 33.112 Pfeifen. Sein Spieltisch verfügt über sieben Manuale. Die Orgel verteilt sich auf acht große Kammern, die paarweise auf beiden Seiten des gewaltigen Saales liegen. Rund 60 Prozent des Instruments sind gegenwärtig wieder funktionsfähig; die Restaurierung dauert an.

Auf diesem Instrument spielte Lapwood die Uraufführung ihrer rund vierzigminütigen Orgelsinfonie nach Howard Shores Musik zu „Der Herr der Ringe“. Allein der Versuch verlangt Kühnheit. Ein Werk, das im Kino von einem großen Orchester getragen wird, musste auf ein einziges Instrument übertragen werden. Lapwood saß dabei vor einem Spieltisch, dessen Möglichkeiten selbst erfahrene Organisten zunächst überfordern können.

Jede Großorgel besitzt einen eigenen Charakter. Die Bezeichnungen der Register geben nur einen ersten Hinweis. Eine Trompete kann in London vollkommen anders sprechen als in Sydney. Der Raum verändert das Verhältnis der Stimmen. Manche Töne erreichen das Publikum unmittelbar, andere entfalten ihre Wirkung erst unter dem Gewölbe.

Die Vorbereitung verlangt deshalb Tage intensiver Arbeit. Registrierungen müssen gefunden und Übergänge programmiert werden. Lapwood hört den Raum ab, erfasst die Antwort des Instruments und baut daraus ihre Interpretation.

Im Konzert ist von dieser Mühe kaum noch etwas zu sehen. Die Arbeit verschwindet. Was bleibt, ist der Eindruck einer Frau, die sich an die kompliziertesten Orgeln der Welt setzt und nach kurzer Zeit weiß, wie sie deren gewaltige Stimme führen muss.

Unter ihren Händen wirken diese Instrumente mühelos.

 

Kein Dolby, kein Surroundsound, kein THX und kein Röhrenverstärker

Lapwoods Weltruhm wurde vom Internet beschleunigt. Der Originalklang ihrer Instrumente bleibt an den Ort gebunden, an dem er entsteht.

Kein Dolby-Verbund, kein Surroundsystem, kein THX-geprüftes Kino und kein noch so guter Röhrenverstärker versetzt einen anderen Raum vollständig in denselben akustischen Zustand wie eine große Pfeifenorgel in ihrer eigenen Kirche oder Konzerthalle.

Elektronik gibt ein Signal wieder. Die Pfeifenorgel schafft ein räumliches Ereignis.

Hinter dem Prospekt stehen Tausende wirkliche Schallquellen. Jede Pfeife enthält eine eigene Luftsäule. Manche Pfeifen sind wenige Zentimeter lang. Die größten reichen über viele Meter. Holz besitzt eine andere Ansprache als Metall. Labialpfeifen erzeugen den Ton auf andere Weise als Zungenstimmen.

Sobald mehrere Register zusammenwirken, entsteht keine bloße Lautstärkezunahme. Die einzelnen Stimmen mischen sich im Raum. Der Klang beginnt an verschiedenen Stellen des Gebäudes, steigt in das Gewölbe und kehrt mit unterschiedlichen Laufzeiten zurück. Die Orgel wurde für genau diesen Raum gebaut oder später auf ihn abgestimmt. Der Intonateur bearbeitet jede Pfeife so lange, bis Instrument und Architektur miteinander arbeiten.

Ein digitales Hallprogramm berechnet eine räumliche Wirkung. Die Kathedrale vollzieht sie tatsächlich.

Bei den tiefsten Registern wird der Unterschied körperlich. Sehr niedrige Frequenzen bewegen große Luftmengen. Der Schall erreicht den Brustkorb und läuft durch Sitzflächen. In einem mächtigen Kirchenraum kommt der Ton zugleich von vorn und aus der Höhe. Mitunter antworten entfernte Orgelwerke aus einem Seitenschiff.

Lautsprecher können gewaltigen Druck erzeugen. Eine gute Anlage bildet Feinheiten erstaunlich genau ab. Der Besucher einer Großorgel erlebt dennoch etwas Eigenes: Der Raum selbst wird zum Instrument.

Man hört die Orgel nicht nur.

Man steht in ihrem Klang.

Genau diesen Hörkick suchen Lapwoods Besucher. Die Videos erzeugen Neugier. Danach wollen die Menschen das Original. Sie wollen den Augenblick erleben, in dem eine einzelne junge Frau echten Wind durch Tausende Pfeifen schickt und aus einem Gebäude ein klingendes Wesen macht.

 

Die Kritiker greifen nach immer größeren Worten

Die internationale Kritik hat den Rang dieses Phänomens längst erkannt. Der Guardian schrieb von einem voll besetzten Saal, den Lapwood vollständig in der Hand hielt. Die Zeitung lobte ihre Virtuosität und ihre Fähigkeit, dem Publikum den Zugang zu anspruchsvoller Musik zu öffnen. Der Vergleich mit Leonard Bernstein gehört zu den höchsten Würdigungen, die man einer jungen Vermittlerin klassischer Musik geben kann.

Eine Fünf-Sterne-Kritik von A Young(ish) Perspective bezeichnete sie als sensationelle, ätherische Ikone der modernen Orgel. Der ausverkaufte Abend in der Royal Albert Hall endete mit einer langen stehenden Ovation. Die Autorin beschrieb eine Künstlerin, die den gewaltigen viktorianischen Klangkörper leuchten ließ und zugleich Nähe zum Publikum herstellte.

Als die restaurierte Orgel im Bristol Beacon wieder erklang, sprach Bristol24/7 von der „Superstar-Botschafterin“ des Instruments. Lapwood wurde schon beim Erscheinen mit einem Aufschrei empfangen. Am Ende folgte eine stürmische stehende Ovation, die zwei Zugaben erzwang. Besonders hervorgehoben wurde die technische Meisterschaft, mit der sie gleichzeitig unterschiedliche Linien in Händen und Füßen führte.

The Arts Desk betrachtete Joseph Jongens „Symphonie concertante“, eines der kräftezehrendsten Werke für Orgel und Orchester. Rund 35 Minuten lang verlangt die Partitur fast ununterbrochen höchste Konzentration. Der Kritiker nannte sie eine Aufgabe für die Mutigen. Lapwood habe keinerlei Furcht gezeigt und das Werk erscheinen lassen, als sei es ein Spaziergang.

MusicWeb International würdigte sie als eine der besten Botschafterinnen, die die klassische Musik seit Jahren für die jüngere Generation gefunden habe. Diese Einschätzung trifft den Kern ihres Erfolges genauer als der häufig verwendete Ausdruck „TikTok-Organistin“. Das Internet ist ihr Verbreitungsweg. Die musikalische Leistung beginnt lange vor dem Einschalten einer Kamera.

Lapwood erklärt ihr Publikum nicht für ungebildet. Sie spricht mit ihm. Vor einem Stück erzählt sie, was sie darin berührt und welche Idee hinter ihrer Bearbeitung steht. Danach hört der Saal anders zu.

Diese Fähigkeit ist selten. Viele große Virtuosen schaffen Distanz, sobald sie auftreten. Lapwood lässt das Publikum an ihrer Entdeckung teilhaben. Ihre Freude wird zur Eintrittskarte in eine Musik, die vorher unzugänglich schien.

 

Als mehr als 12.000 Menschen den Kölner Dom stürmten

Im Juli 2025 zeigte Deutschland, wie weit Lapwoods Popularität bereits reichte.

Mehr als 12.000 Menschen kamen nach Angaben des Kölner Doms zu ihrem kostenlosen Konzert. Schon zwei Stunden vor dem Einlass standen Tausende vor der Kathedrale. Die Schlange reichte ungefähr einen Kilometer bis zum Neumarkt. Der Verkehr in der Innenstadt kam zeitweise zum Erliegen.

In den Dom konnten pro Aufführung ungefähr 3.800 Besucher eingelassen werden. Lapwood entschied deshalb kurzfristig, das Konzert ein zweites Mal zu spielen. Auch das reichte nicht aus. Tausende blieben draußen.

Menschen waren aus Belgien und den Niederlanden angereist. Manche warteten drei Stunden. Im Dom standen Besucher an den Seiten, andere saßen auf dem Boden. Schon bei Lapwoods Begrüßung wurde die Stimmung als beinahe euphorisch beschrieben. Selbst die Verantwortlichen der Kathedrale erklärten, einen solchen Andrang bei einem Orgelkonzert noch nicht erlebt zu haben.

Lapwood hatte zuvor tagelang an der Domorgel geübt. Filmmusik von Hans Zimmer erklang neben Werken von John Williams. Im Kölner Raum musste jede Bearbeitung neu eingerichtet werden. Die Kathedrale besitzt einen langen Nachhall und beantwortet schnelle Klangfolgen anders als ein trockener Konzertsaal.

Das Publikum kam trotzdem nicht in erster Linie wegen eines bestimmten Komponisten.

Es kam wegen Anna Lapwood.

Ihr Name allein brachte mehr als 12.000 Menschen in Bewegung. Eine britische Organistin legte mit einer Warteschlange von fast einem Kilometer Teile der Kölner Innenstadt lahm.

So sieht die Ankunft eines Rockstars aus.

 

Deutschland wartet auf ihre Rückkehr

Am 3. September 2026 kehrt Anna Lapwood in den Bremer St.-Petri-Dom zurück. Das Konzert ist ausverkauft.

Zehn Tage später beginnt ihre Deutschlandtournee mit dem Philharmonia Orchestra. Am 13. September spielt sie in Essen. Danach folgen die Elbphilharmonie in Hamburg und die Alte Oper Frankfurt. Den Abschluss bildet am 16. September die Kölner Philharmonie. Sämtliche vier deutschen Konzerte dieser Reise sind restlos ausverkauft. Auch ihr eigener Orgelabend in Essen am 11. Oktober meldet seit langem keine freien Plätze mehr.

Das Programm zeigt, welchen Rang sie inzwischen erreicht hat. Kristina Arakelyans Toccata wurde für sie geschrieben. Max Richters „Cosmology“ entstand ebenfalls für Lapwood. Hinzu kommt Hans Zimmers „Interstellar Suite“. Nach der Pause folgt Camille Saint-Saëns’ Dritte Sinfonie, deren Orgeleinsatz zu den größten Momenten der romantischen Orchesterliteratur gehört.

Ein britisches Weltklasseorchester reist damit durch Deutschland und stellt die Organistin in das Zentrum des Abends. Ihr Name verkauft die Häuser leer.

Im November folgt eine Entwicklung, die vor wenigen Jahren für eine Organistin kaum vorstellbar gewesen wäre. Lapwood zieht mit einer eigens für sie gebauten Tourneeorgel in britische Arenen. Cardiff, Glasgow und Manchester gehören zu den Stationen. Das sind Spielstätten, die gewöhnlich den großen Produktionen aus Rock und Pop vorbehalten sind.

Die Frage, ob Anna Lapwood bereits ein Rockstar sei, hat das Publikum längst beantwortet. Ein Rockstar wird nicht allein durch die Musikgattung definiert. Entscheidend sind die Wirkung und die Erwartung. Menschen reisen weit, stehen stundenlang an und jubeln schon beim Erscheinen. Die Karten verschwinden Monate vor dem Konzert.

Lapwood erfüllt jedes dieser Merkmale.

Der Begriff reicht trotzdem kaum an das Bild heran. Ein Rockmusiker steht meist vor einer Band. Anna Lapwood sitzt allein vor einem Instrument, das ein Sinfonieorchester tragen und im entscheidenden Augenblick sogar überragen kann.

Große Künstler werden häufig erst spät in ihrer ganzen Bedeutung erkannt. Bei Lapwood geschieht die Erkenntnis vor den Augen der Gegenwart. Sie ist 31 Jahre alt und erlebt selbst, wie ihr Name um den Globus geht. Die Welt muss nicht auf eine spätere Generation warten, um zu begreifen, dass hier eine seltene Musikerin herangewachsen ist.

Die Orgel trägt seit Jahrhunderten den Ehrentitel „Königin der Instrumente“. Anna Lapwood herrscht heute über einige ihrer größten Reiche.

Sie ist die Göttin am Instrument des Himmels.

 

TEIL II: WER HAT’S ERFUNDEN? DIE GENIALEN GRIECHEN!

Die erste Orgel entstand lange vor der ersten Kirche

Nach dem letzten Akkord bleibt die Frage: Wer hat dieses gewaltige Instrument geschaffen?

Die Antwort führt in das dritte Jahrhundert vor Christus. Gotische Kathedralen lagen noch mehr als anderthalb Jahrtausende in der Zukunft. Das Christentum existierte nicht. In Alexandria arbeitete ein griechischer Ingenieur namens Ktesibios an der Beherrschung von Wasser und Druckluft.

Aus seinen Versuchen entstand die Hydraulis.

Damit schuf Ktesibios den technischen Ahnen der Pfeifenorgel und das älteste bekannte Tasteninstrument der Welt. Historiker erkennen in seiner Konstruktion erstmals jene Grundbestandteile, die bis heute eine Orgel ausmachen: mechanisch erzeugter Wind, ein Druckspeicher, Pfeifen und eine vom Spieler bediente Steuerung.

Alexandria lag in Ägypten. Die Stadt war damals ein Zentrum der hellenistischen Welt und gehörte zum Reich der griechischen Ptolemäer. Griechische Sprache und Wissenschaft prägten ihr geistiges Leben. Mathematiker arbeiteten dort neben Mechanikern. Die Bibliothek und das Museion machten Alexandria zum berühmtesten Forschungszentrum seiner Epoche.

Ktesibios entstammte genau dieser Welt. Er war kein Orgelbauer im späteren Sinne. Seine Arbeiten galten Pumpen und Wasseruhren. Die Hydraulis entstand aus der Suche nach einer technischen Lösung: Wie konnte ein Mensch mehrere Pfeifen kontrollieren und dabei einen gleichmäßigen Luftdruck erzeugen?

Die Antwort wurde zur folgenreichsten musikalischen Maschine der Antike.

Die genialen Griechen hatten die Königin der Instrumente erfunden.

 

Wie Wasser den Wind zähmte

Der deutsche Begriff „Wasserorgel“ erzeugt leicht ein falsches Bild. Der Ton der Hydraulis entstand durch Luft. Wasser stabilisierte den Druck.

Handbetriebene Pumpen pressten Luft in ein Druckgefäß. Die Pumpbewegungen hätten den Wind stoßweise zu den Pfeifen geschickt. Ein Wasserreservoir fing diese Schwankungen auf und hielt den Luftdruck in einem brauchbaren Bereich. Der Musiker bediente Tasten oder Hebel, die Ventile öffneten. Der Wind strömte anschließend in die ausgewählte Pfeife.

Ihre Länge bestimmte die Tonhöhe.

Damit hatte Ktesibios eine Verbindung zwischen menschlicher Bewegung und maschinell geregeltem Klang geschaffen. Der Spieler musste die Pfeifen nicht einzeln anblasen. Eine Tastatur übernahm die Auswahl. Der Druckspeicher versorgte das Instrument mit Wind.

Diese Grundidee lebt in jeder großen Orgel weiter. Moderne Instrumente besitzen andere Windanlagen und erheblich feinere Ventile. Der Organist drückt eine Taste. Ein Weg öffnet sich. Luft strömt in eine Pfeife und bringt die darin stehende Luftsäule zum Schwingen.

Zwischen der Hydraulis und der Midmer-Losh-Orgel liegen mehr als 2.200 Jahre. Das Instrument wuchs von einer überschaubaren antiken Maschine zu einem Gebilde mit 33.112 Pfeifen. Sein Herz arbeitet nach einem Gedanken, den ein griechischer Ingenieur im hellenistischen Alexandria fasste.

Die Hydraulis verbreitete sich rasch. Sie erklang bei Festen und musikalischen Wettbewerben. Später wurde sie im römischen Kulturraum übernommen. Ihr kräftiger Ton eignete sich für große öffentliche Veranstaltungen. Darstellungen zeigen sie bei Spielen und in Amphitheatern.

Die Orgel begann ihre Laufbahn also als weltliches Instrument. Ihre spätere Verbindung mit dem christlichen Gottesdienst war bei ihrer Erfindung noch unvorstellbar.

 

Der Beweis lag am Fuß des Olymp

Dass die Hydraulis kein bloßer Bericht antiker Schriftsteller war, zeigte ein bedeutender Fund aus dem Jahr 1992.

Bei Ausgrabungen in Dion, der heiligen Stadt der Makedonen am Fuß des Olymp, entdeckte das Team des griechischen Archäologen Dimitrios Pandermalis Teile einer antiken Hydraulis. Das Instrument stammte aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. Erhalten blieben Bronzepfeifen sowie ein Teil der metallenen Tragkonstruktion.

Der Fund besaß außerordentlichen Wert. Zum ersten Mal lagen greifbare Reste jenes Instrumententyps vor, dessen Erfindung Ktesibios zugeschrieben wird.

Das Europäische Kulturzentrum von Delphi begann 1995 mit einer Rekonstruktion. Musikwissenschaftler untersuchten antike Beschreibungen und die damals verwendeten Materialien. Auch die griechischen Tonsysteme wurden einbezogen. Im Mai 1999 erklang in Delphi ein spielbarer Nachbau.

Die rekonstruierte Hydraulis zeigt, wie erstaunlich weit die antike Ingenieurkunst gelangt war. Vor mehr als zwei Jahrtausenden saß bereits ein Musiker an einer Tastatur und steuerte Pfeifen über einen mechanisch geregelten Wind.

Die Griechen hatten damit ein Prinzip geschaffen, das später Klavier und Cembalo in einem entscheidenden Punkt vorausnahm: Der Spieler führte ein vielstimmiges Instrument über Tasten.

Die Hydraulis eroberte zunächst die hellenistische Welt. Die Römer übernahmen sie und gaben ihr einen festen Platz in ihrer Unterhaltungskultur. In der Kaiserzeit entstanden neue Formen. Ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus finden sich Beschreibungen von Orgeln, deren Wind durch Blasebälge geliefert wurde. Das Wasserreservoir verlor damit seine technische Aufgabe.

Aus der Hydraulis wurde allmählich die Windorgel.

 

Als der Westen die Orgel verlor

Das Römische Reich entwickelte sich seit der Spätantike in zwei großen Herrschaftsräumen. Im Westen zerfielen die staatlichen Strukturen während des fünften Jahrhunderts. Das östliche Reich mit Konstantinopel bestand fort.

Mit dem Zusammenbruch Westroms verschwanden viele Werkstätten. Technisches Wissen ging verloren, weil es keine Institutionen mehr gab, die es weitergaben. Für die Orgel hatte das einschneidende Folgen. Vom Ende des fünften Jahrhunderts bis zur Mitte des achten Jahrhunderts scheint das Instrument in Westeuropa weitgehend unbekannt gewesen zu sein.

Im Osten verlief die Geschichte anders.

Das Oströmische Reich entwickelte sich zum Byzantinischen Reich. Seine Bewohner verstanden sich weiterhin als Römer. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Griechisch zur beherrschenden Sprache des Staates und seiner Kultur. Konstantinopel blieb ein Zentrum der Bildung. Die christliche Kirche des Reiches bildete jene Tradition aus, die später als orthodoxe Welt fortlebte.

Dort verschwand die Orgel nicht.

Byzantinische Handwerker hielten sie spielbar und entwickelten die Windorgel weiter. Das Instrument wurde am Kaiserhof verwendet. Es erklang bei Empfängen und großen Feiern. Im Hippodrom begleitete es öffentliche Rituale. Die Orgel besaß einen Rang, der ihrer späteren Stellung in den Kathedralen des Westens bereits vorausgriff. Sie war ein Symbol der Herrschaft und zugleich ein sichtbarer Beweis technischer Überlegenheit.

Hier liegt die große byzantinische Renaissance der Orgel.

Die Tradition riss im Osten nicht ab. Byzanz gab dem antiken Instrument eine zweite Blüte. Die Windorgel erhielt im Kaiserzeremoniell einen festen Platz. Ihr Klang konnte eine große Menschenmenge überragen und die Erscheinung des Herrschers akustisch begleiten.

Die Griechen hatten die Orgel erfunden.

Das griechischsprachige christliche Byzanz hielt ihren Atem über die Jahrhunderte lebendig.

 

Die Stimme des Kaiserhofes

Am Hof von Konstantinopel gehörte Musik zu einem streng geregelten Zeremoniell. Der Kaiser trat nicht einfach in einen Raum. Seine Erscheinung wurde inszeniert. Chöre antworteten einander. Instrumentalensembles begleiteten Prozessionen. Die Orgel verlieh diesem Vorgang eine Macht, die andere Instrumente kaum erreichen konnten.

Ihr Klang war schon damals mehr als Unterhaltung. Er verkündete Größe.

Die höfische Orgel hieß Organon. Die antike Wasserregelung war inzwischen durch Bälge ersetzt worden. Dadurch ließ sich das Instrument ohne Wasserbehälter betreiben. Es konnte in anderen Formen gebaut und leichter in das Zeremoniell einbezogen werden. Das Europäische Kulturzentrum von Delphi beschreibt diesen Übergang ausdrücklich und nennt die Windorgel am Hof von Konstantinopel als Nachfolgerin der Hydraulis.

Die orthodoxe Liturgie folgte einem anderen musikalischen Verständnis. Dort blieb die menschliche Stimme Trägerin des Gebetes. Instrumente gehörten nicht zum regulären Gottesdienst. Diese Tradition wirkt bis heute fort.

So erklang die Orgel in Byzanz vor allem im Palast und bei öffentlichen Anlässen. Gerade diese Trennung gehört zu den großen Ironien der Musikgeschichte. Das Instrument, das später zum mächtigsten Klangsymbol der westlichen Kirche wurde, überlebte im christlichen Osten außerhalb des eigentlichen Gottesdienstes.

Die Bewahrer der Orgel gehörten dennoch zu jener griechischsprachigen Kulturwelt, aus der die orthodoxe Tradition hervorging. Byzanz führte das technische Erbe der Antike durch die Jahrhunderte, in denen der Westen es weitgehend verloren hatte.

Ohne diese Kontinuität wäre die spätere Geschichte der europäischen Kirchenorgel kaum denkbar.

 

Das Geschenk des Jahres 757

Im Jahr 757 ereignete sich der entscheidende Transfer.

Der byzantinische Kaiser Konstantin V. sandte dem fränkischen König Pippin dem Jüngeren eine Orgel. Pippin war der Vater Karls des Großen.

Der Vorgang ist in den fränkischen Reichsannalen belegt. Dort steht unter dem Jahr 757 der Satz:

„Misit Constantinus imperator regi Pippino cum aliis donis organum, qui in Franciam usque pervenit.“

Kaiser Konstantin schickte König Pippin neben anderen Geschenken eine Orgel, die bis nach Franken gelangte.

Die Schlichtheit dieses Eintrags verdeckt die Größe des Ereignisses. Am fränkischen Hof erschien eine Maschine aus Konstantinopel, deren Technik in Westeuropa seit Jahrhunderten kaum noch bekannt war. Gesandte brachten ein klingendes Zeugnis byzantinischer Hochkultur.

Mit der Orgel kehrte eine griechische Erfindung in den Westen zurück.

Die Organ Historical Society bezeichnet das Ereignis ausdrücklich als Wiedereinführung der Orgel in Westeuropa. Das Instrument hatte im Oströmischen Reich weitergelebt und erreichte nun den Hof Pippins.

Weitere Zeugnisse folgten. Für das Jahr 826 wird eine Orgel in Aachen erwähnt, die „nach der Kunst der Griechen“ gebaut worden sei. Diese Formulierung ist aufschlussreich. Die Menschen des karolingischen Reiches wussten, woher das technische Vorbild stammte.

Der Westen erfand die Orgel kein zweites Mal.

Byzanz gab sie ihm zurück.

 

Vom Kaiserhof auf die Emporen Europas

Nach ihrer Rückkehr zog die Orgel nicht sofort in jede Kirche ein. Die Entwicklung dauerte Generationen.

Klöster und Bischofssitze nahmen das Instrument auf. Orgelbauer vergrößerten die Pfeifenwerke. Die Mechanik wurde verändert. Später entstanden getrennt schaltbare Pfeifenreihen, aus denen sich die Register entwickelten. Der Organist konnte nun bestimmen, welche Klangfarben erklangen.

Im Mittelalter gab es kleine tragbare Instrumente. Größere Positive wurden in höfischen Räumen und später in Kirchen verwendet. Ab dem zehnten Jahrhundert finden sich zunehmend Hinweise auf fest eingebaute Kirchenorgeln im Westen. Gegen Ende des Mittelalters besaßen große Kathedralen bereits mächtige Blockwerke, deren Klang zu den lautesten von Menschen erzeugten Geräuschen jener Epoche gehörte.

Die Orgel rückte auf die Empore und wuchs mit der Architektur. Gotische Kirchen boten ihr Räume, in denen der Ton lange getragen wurde. Der Klang erhielt eine neue Bedeutung. Aus dem Instrument des antiken Festes und des byzantinischen Kaiserhofes wurde die große Stimme des westlichen Christentums.

Während der Renaissance entstanden feinere Klangfarben. Der Barock brachte eine technische und musikalische Reife hervor, auf der die europäische Orgelkunst bis heute aufbaut.

Deutschland entwickelte dabei eine besondere Tradition. Arp Schnitger prägte den norddeutschen Orgelbau. Gottfried Silbermann schuf in Sachsen Instrumente, deren Klarheit bis heute bewundert wird. Später entstanden die großen romantischen Orgeln Friedrich Ladegasts. Die Firmen Walcker und Sauer bauten Klangkörper, die einem Sinfonieorchester nahekommen sollten.

Frankreich führte die Orgel unter Aristide Cavaillé-Coll in eine eigene sinfonische Welt. England schuf mächtige Saalorgeln. In den Vereinigten Staaten wuchsen schließlich jene Rieseninstrumente, an denen Anna Lapwood heute spielt.

Diese Entwicklung ist ein Werk vieler Generationen.

Der erste schöpferische Funke sprang in der griechischen Welt über.

 

Dann kam Johann Sebastian Bach

Johann Sebastian Bach hatte die Orgel nicht erfunden. Er fand ein Instrument vor, das bereits eine Geschichte von fast zwei Jahrtausenden besaß.

Doch Bach erkannte ihre Seele.

In seiner Musik wurde die Orgel zu einer denkenden Architektur. Eine einzelne Stimme setzt ein. Eine weitere tritt hinzu. Bald bewegt sich ein ganzes Geflecht eigenständiger Linien durch den Raum. Jede folgt ihrer eigenen Logik und gehört zugleich zu einer übergeordneten Ordnung.

Bach kann die Orgel flüstern lassen. Wenige Takte später erhebt sie sich mit einer Macht, die den ganzen Kirchenraum erfüllt. Das Pedal trägt eine Stimme, die bei anderen Tasteninstrumenten kaum denkbar wäre. Der Organist wird zum Leiter eines unsichtbaren Orchesters.

Die großen Präludien und Fugen gehören zum Fundament der deutschen Musikgeschichte. Bachs Choralbearbeitungen verbinden die Melodie des Gottesdienstes mit einer Kunst, deren geistige Tiefe bis heute unerreicht erscheint. Die Passacaglia in c-Moll entwickelt aus einem kurzen Bassgedanken ein gewaltiges Klanggebäude.

Bach gab der griechischen Erfindung ihre unsterbliche Sprache.

Wenn Anna Lapwood heute seine d-Moll-Toccata in der Royal Albert Hall anschlägt, hört das Publikum mehr als ein berühmtes Stück. Es erlebt den Augenblick, in dem ein antikes technisches Prinzip durch das Genie eines deutschen Komponisten spricht und von einer jungen Engländerin in das digitale Zeitalter getragen wird.

Ktesibios schuf die Maschine.

Bach offenbarte ihre musikalische Unendlichkeit.

Anna Lapwood lässt eine neue Generation darin eintreten.

 

Was wäre Deutschlands weltberühmte Klassik ohne diese griechische Erfindung?

Deutschland gilt in aller Welt als Land der klassischen Musik. Johann Sebastian Bach steht im Zentrum dieses Ruhmes.

Was wäre Bach ohne die Orgel?

Ein gewaltiger Teil seines Werkes wäre ungeschrieben geblieben. Es gäbe die großen Orgelpräludien nicht. Seine Fugen hätten andere Formen gesucht. Die Passacaglia in c-Moll würde fehlen. Generationen von Musikern hätten auf ein entscheidendes Vorbild verzichten müssen.

Auch die Musik nach Bach sähe anders aus. Felix Mendelssohn Bartholdy schrieb seine Orgelsonaten und trug entscheidend zur Wiederentdeckung Bachs bei. Max Reger führte die deutsche Orgeltradition an die Grenzen harmonischer Dichte. Anton Bruckner entwickelte einen sinfonischen Klang, dessen gewaltige Steigerungen ohne seine Erfahrung als Organist kaum vorstellbar sind.

Deutschlands Kirchen wären akustisch andere Orte. Leipzig, Lübeck und Dresden hätten einen Teil ihrer musikalischen Identität verloren. Die großen Instrumente von Silbermann oder Schnitger wären nie gebaut worden. Ganze Handwerkstraditionen hätten sich nicht entwickelt.

Deutschlands Klassik bliebe reich. Eine ihrer tiefsten Stimmen würde fehlen.

Diese Erkenntnis schmälert die Leistung deutscher Komponisten um keinen Ton. Sie zeigt vielmehr, wie große Kultur entsteht. Ein griechischer Ingenieur löste in Alexandria ein technisches Problem. Das Byzantinische Reich führte die Orgel durch jene Jahrhunderte, in denen der Westen sie verlor. Karolingische Herrscher nahmen das Instrument wieder auf. Europäische Orgelbauer entwickelten es weiter. Bach erhob seine Musik auf eine Höhe, die bis heute als Maßstab gilt.

Deutschlands weltberühmte Klassik verdankt dieser griechischen Erfindung einen Teil ihrer Seele.

 

Von Ktesibios zu Anna Lapwood

Wenn Anna Lapwood heute am Spieltisch der Royal Albert Hall sitzt, schließen sich mehr als 2.200 Jahre Musikgeschichte.

Der Wind, der durch 9.999 Pfeifen fährt, folgt noch immer dem Grundgedanken des Ktesibios. Eine Taste öffnet den Weg. Luft erreicht eine Pfeife. Der Raum antwortet.

Die Dimensionen sind ins Unvorstellbare gewachsen. Aus der antiken Hydraulis wurde ein Instrument von der Größe eines Hauses. Aus einer Reihe von Pfeifen entstanden Werke, die ganze Kathedralen umfassen. Der Kern blieb erhalten.

Ktesibios brachte Luft unter den Händen eines Menschen zum Singen.

Byzanz trug diese Erfindung durch das frühe Mittelalter und gab ihr eine zweite Blüte. Kaiser Konstantin V. sandte 757 eine Orgel an Pippin. Der Westen nahm das Geschenk an und machte es zum Klang seiner Kirchen.

Bach gab diesem Klang seine größte Sprache.

Anna Lapwood trägt ihn heute um die Welt.

Ohne diesen langen Weg gäbe es jene Augenblicke nicht, in denen Tausende Menschen vor dem Kölner Dom warten. Es gäbe keinen Bach-Ruf, der durch die Royal Albert Hall fährt und einen Dance-Abend in Aufruhr versetzt. Ein wesentlicher Teil der deutschen Musikgeschichte wäre nie entstanden.

Wer hat die Königin der Instrumente erfunden?

Die genialen Griechen!

Wer bewahrte ihren Atem und brachte sie dem Westen zurück?

Das griechischsprachige tausendjährige Byzantinische Reich!

Und wer lässt die Welt heute wieder begreifen, weshalb diese Orgel das Instrument des Himmels ist?

Anna Lapwood!

 

Quellen zu Anna Lapwood

  1. The Guardian – Konzertkritik: Anna Lapwood beherrscht die ausverkaufte Royal Albert Hall
https://www.theguardian.com/music/2025/may/16/anna-lapwood-review-charismatic-organist-has-a-packed-royal-albert-hall-eating-out-of-her-hand
  1. The Guardian – Porträt über Lapwoods Aufstieg, ihre nächtlichen Orgelproben und Begegnungen mit Weltstars
https://www.theguardian.com/music/2025/jul/08/anna-lapwood-interview-tom-cruise-organ-lesson-classical-mashups-proms-all-nighter
  1. A Young(ish) Perspective – Fünf-Sterne-Kritik ihres Konzerts in der Royal Albert Hall
  1. Bristol24/7 – Konzertkritik: Anna Lapwood und die restaurierte Orgel im Bristol Beacon
https://www.bristol247.com/culture/music/review-anna-lapwood-bristol-beacon-a-soaring-triumph/
  1. The Arts Desk – Kritik zu Lapwoods Aufführung von Joseph Jongens „Symphonie concertante“
https://theartsdesk.com/classical-music/lapwood-halle-wincor-bridgewater-hall-manchester-review-organist-dances
  1. MusicWeb International – Besprechung des Albums „Firedove“ und Würdigung ihrer Vermittlungsarbeit
https://musicwebinternational.com/2025/07/anna-lapwood-organ-firedove-sony/
  1. Sydney Symphony Orchestra – Porträt: Anna Lapwood als neuer Weltstar der klassischen Musik
https://www.sydneysymphony.com/posts/anna-lapwood-a-bright-new-star-in-the-classical-sky
  1. DOMRADIO – Mehr als 12.000 Besucher und eine kilometerlange Warteschlange vor dem Kölner Dom
https://www.domradio.de/artikel/drei-stunden-angestanden-aber-das-war-es-wert
  1. Classic FM – Biografie, Ausbildung, Instrumente und Bonobo-Durchbruch
https://www.classicfm.com/artists/anna-lapwood/organist-conductor-biography-age-instruments/
  1. Anna Lapwood – Offizielle Biografie mit Karriere, Auszeichnungen und Kooperationen
https://annalapwood.co.uk/about
  1. Anna Lapwood – Bach und Faithless bei Ministry of Sound Classical in der Royal Albert Hall
https://annalapwood.co.uk/news/ministry-of-sound-classical-at-the-royal-albert-hall
  1. Anna Lapwood – Uraufführung ihrer „Lord of the Rings Organ Symphony“ in Atlantic City
https://annalapwood.co.uk/news/the-lord-of-the-rings-organ-symphony-world-premiere-may-1-2026
  1. Historic Organ Restoration Committee – Geschichte und technische Daten der Midmer-Losh-Orgel
https://www.boardwalkorgans.org/midmerlosh
  1. Anna Lapwood – Offizieller Konzertkalender mit den Deutschlandterminen
https://annalapwood.co.uk/events
  1. Philharmonia Orchestra – Europatournee mit Anna Lapwood und vollständigem Konzertprogramm
https://philharmonia.co.uk/whats-on/philharmonia-orchestra-europe-tour-with-anna-lapwood/

Quellen zur Geschichte der Orgel

  1. Organ Historical Society – Ursprung der Pfeifenorgel und Erfindung der Hydraulis
https://organhistoricalsociety.org/OrganHistory/history/hist001.htm
  1. Organ Historical Society – Die Orgel im Mittelalter und ihre Rückkehr aus dem Oströmischen Reich
https://organhistoricalsociety.org/OrganHistory/history/hist002.htm
  1. Europäisches Kulturzentrum Delphi – Die antike Hydraulis, der Fund von Dion und ihre Rekonstruktion
https://eccd.gr/en/ancient-hydraulis/
  1. Greek Music Information Center – Weltliche Musik und Orgeln am byzantinischen Kaiserhof
https://www.musicportal.gr/byzantine_music_popular/?lang=en
  1. Annales Regni Francorum – Lateinische Primärquelle zum Orgelgeschenk an Pippin im Jahr 757
https://www.thelatinlibrary.com/annalesregnifrancorum.html
  1. Metropolitan Museum of Art – Ktesibios und die Entwicklung der frühen Orgel
https://www.metmuseum.org/essays/renaissance-organs
  1. Medieval Histories – Byzantinische Orgeln, das Geschenk von 757 und der Orgelbau im Karolingerreich

 

 

 

 

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