ERST BESCHIMPFEN, DANN LÖSCHEN

 


WIE LINKE DEBATTENKULTUR ARGUMENTE DURCH AGGRESSION ERSETZT

 

2.10.2026 Eine politische Analyse und Dokumentation einer öffentlichen Facebook-Debatte – von Andreas Manousos

 

Lesezeit: ca. 18 Minuten

 

 

In diesem Beispielsfall eröffnete L. Wischnewski die öffentliche Diskussion unter unserem Beitrag zunächst mit einer groben Beschimpfung und wechselte anschließend auf die Sachebene. Er brachte mehrere konkrete Einwände vor, auf die wir ausführlich und sachlich antworten wollten. Dazu kam es auf Facebook jedoch nicht mehr vollständig, denn Wischnewski löschte inzwischen mehrere seiner Beiträge, darunter auch Teile seiner argumentativen Einlassung. Die entsprechenden Kommentare waren zu diesem Zeitpunkt bereits öffentlich und von zahlreichen Nutzern gelesen worden; zudem lagen uns Screenshots vor. Deshalb führen wir die Auseinandersetzung nun auf unserer eigenen Seite weiter und dokumentieren, worüber tatsächlich gestritten wurde. So kann jeder Leser selbst nachvollziehen, welche Argumente aus dem linken politischen Spektrum hier vorgetragen wurden, was daran trägt und was nicht – und welche bürgerlich-sachlichen Gegenargumente und historischen Fakten dem gegenüberstehen. Gerade bei politisch und historisch aufgeladenen Themen halten wir es für sinnvoller, Aussagen dauerhaft sichtbar zu machen und an Quellen und Tatsachen zu prüfen, als sie nachträglich aus einer öffentlichen Diskussion verschwinden zu lassen. Nachfolgend dokumentieren wir deshalb unsere ausführliche Antwort auf die von Wischnewski vorgebrachten Einwände und Vorwandargumente.

 

 

„Herr Wischnewski,

jetzt haben Sie endlich etwas vorgelegt, über das man tatsächlich reden kann. Nicht nur Beschimpfungen, sondern konkrete Einwände. Also gehen wir die Sache sauber durch.

Sie schreiben, Nationalsozialismus und Kommunismus könnten schon deshalb nicht strukturell miteinander verglichen werden, weil Nationalsozialisten Kommunisten verfolgt haben.

Das überzeugt mich nicht.

Zwei Mafiaorganisationen können sich ebenfalls bis aufs Blut bekämpfen. Die eine verdient mit Drogen, die andere mit Prostitution. Sie schießen aufeinander, sie hassen einander, sie wollen den anderen vernichten. Trotzdem bleiben beide Organisationen, deren Macht- und Gewaltmechanismen sich sehr wohl vergleichen lassen.

Feindschaft beweist keine Wesensverschiedenheit.

Genau deshalb gibt es Totalitarismusforschung. Sie fragt nicht, ob Hitler und Stalin dasselbe wollten. Natürlich wollten sie das nicht. Sie fragt, wie solche Systeme Macht organisieren, wie sie Gegner beseitigen, wie sie Gewalt legitimieren, wie sie Öffentlichkeit kontrollieren und welche Stellung der einzelne Mensch gegenüber Partei, Staat und Kollektiv hat.

Damit ist Ihr erster Einwand jedenfalls nicht bewiesen.

Dann Ihr „Leichen-Quartett“.

Sie unterstellen uns damit, wir wollten die Opfer des Nationalsozialismus relativieren, nur weil wir die Opfer kommunistischer Systeme ebenfalls benennen.

Das haben wir weder geschrieben noch gemeint.

Vergleichen heißt nicht gleichsetzen.

Wer Gulag und Konzentrationslager untersucht, erklärt sie nicht zu identischen Einrichtungen. Wer Opferzahlen verschiedener Diktaturen untersucht, behauptet auch nicht, deren Motive, Methoden und Opfergruppen seien identisch gewesen.

Über einzelne Opferzahlen des Kommunismus kann man streiten. Natürlich kann man das. Geschichte ist keine Buchhaltung, bei der irgendwann eine unfehlbare Endsumme auf einem Kassenzettel steht.

Aber was folgt daraus?

Dass Gulag, Säuberungen, Zwangsarbeit, Deportationen, politische Morde und Massensterben nicht stattgefunden hätten?

Natürlich nicht.

Millionen Christen wurden unter kommunistischen Regimen über Jahrzehnte hinweg systematisch verfolgt und umgebracht. Geistliche und Gläubige wurden verhaftet, deportiert, in Lager gesperrt und erschossen. Kirchen wurden geschlossen und zerstört. In der Sowjetunion wurde die Bekämpfung von Religion über lange Phasen staatlich organisiert.

Weder war es eine Randerscheinung, noch war es bloßer Verwaltungsdruck.

Menschen wurden wegen ihres Glaubens verfolgt, eingesperrt und getötet.

Auch Juden blieben unter kommunistischer Herrschaft keineswegs verschont. Jüdische Organisationen wurden zerschlagen, Intellektuelle und Funktionäre verhaftet und ermordet, antisemitisch geprägte Kampagnen und Schauprozesse inszeniert.

Der Slánský-Prozess in Prag gehört dazu. Von vierzehn Angeklagten waren elf Juden. Die angebliche zionistische Verschwörung war konstruiert, die Geständnisse wurden erpresst, elf Todesurteile vollstreckt.

Das verschwindet nicht, weil Ihnen das „Schwarzbuch des Kommunismus“ nicht gefällt.

Und Ihr Satz, unser angeblicher Subtext laute: „Stalin war fleißiger, stellt euch bei Buchenwald nicht so an“, stammt ausschließlich von Ihnen.

Sie legen uns eine Aussage in den Mund und empören sich anschließend über Ihre eigene Formulierung.

Das ist kein Gegenbeweis.

Und noch etwas verstehe ich bis heute nicht, weder als Autor noch als jemand, der sich seit Jahrzehnten mit Totalitarismus beschäftigt: Warum sollen die Verbrechen des Nationalsozialismus mit größter moralischer und juristischer Konsequenz behandelt werden – völlig zu Recht –, während die Verbrechen kommunistischer Herrschaft so oft nur am Rande auftauchen?

Warum gilt die Verharmlosung nationalsozialistischer Massenverbrechen als gesellschaftlich völlig inakzeptabel und kann unter bestimmten Voraussetzungen sogar strafbar sein, während man bei kommunistischen Verbrechen wesentlich häufiger auf Relativierungen, Ausflüchte oder schlichtes Desinteresse trifft?

Das ist keine erfundene juristische Differenz.

Das deutsche Strafrecht behandelt bestimmte Formen der Leugnung, Billigung und Verharmlosung nationalsozialistischer Völkermordverbrechen in § 130 Absatz 3 StGB besonders. Andere Völkerrechtsverbrechen können ebenfalls strafrechtlich erfasst werden, allerdings unter anderen und zusätzlichen Voraussetzungen.

Man kann erklären, warum sich dieses Recht aus der besonderen deutschen Geschichte entwickelt hat. Das beantwortet aber noch nicht die moralische Frage.

Die Opfer kommunistischer Systeme waren nicht weniger tot.

Der im Gulag Erfrorene ist tot.

Der erschossene Priester ist tot.

Der deportierte Bauer ist tot.

Der Jude, der in einem stalinistischen Schauprozess zum Tode verurteilt wurde, ist tot.

Die Opfer politisch verursachter Hungerkatastrophen sind tot.

Und genau deshalb halte ich es für unerträglich, wenn die Benennung dieser Verbrechen sofort als „Leichen-Quartett“ diffamiert wird.

Das ist keine historische Auseinandersetzung.

Es ist der Versuch, einen Vergleich bereits moralisch zu diskreditieren, bevor überhaupt darüber gesprochen wurde, was verglichen wird.

Und hier kommt für mich auch der alte Satz ins Spiel, dass die Sieger die Geschichte schreiben.

Als absolute historische Regel wäre dieser Satz natürlich zu grob. Geschichte besteht nicht nur aus einem Sieger, der anschließend ein Lehrbuch diktiert.

Als Warnung vor Geschichtspolitik ist der Satz aber wichtig.

Nach Kriegen und Systemumbrüchen entstehen Deutungsmächte. Archive werden geöffnet oder geschlossen. Täter werden Ankläger. Bündnispartner verändern sich. Politische Interessen verändern sich. Bestimmte Erfahrungen werden in den Mittelpunkt gestellt, andere geraten an den Rand.

Genau deshalb reicht es für mich nicht, zu sagen: Das steht heute so im Lehrbuch, also ist die Sache erledigt.

Genau deshalb arbeite ich forensisch.

Dann kommen Sie zur AfD und schreiben, eine Partei könne sich seit ihrer Gründung selbstverständlich radikalisieren.

Ja.

Natürlich kann sie das.

Nur folgt daraus noch lange nicht Kerkelings Satz, bei dieser Partei sei „unter Umständen auch Buchenwald möglich“.

Zwischen „eine Partei kann sich radikalisieren“ und „Buchenwald könnte bei dieser Partei wieder möglich werden“ liegt ein gewaltiger argumentativer Sprung.

Wenn jemand einen solchen historischen Vergleich zieht, darf man fragen: Wo genau ist die Grundlage?

Welcher Programmpunkt?

Welche konkrete Forderung?

Welche staatliche Planung?

Welcher nachweisbare Wille, Menschen in einem System wie Buchenwald zu internieren?

Wer mit Buchenwald argumentiert, muss mehr liefern als ein politisches Etikett.

Damit haben Sie auch an dieser Stelle unsere Kritik nicht widerlegt.

Und dann kommen wir zu Kerkelings Großvater. Gerade hier wird die Angelegenheit inzwischen noch interessanter.

Niemand bestreitet, dass Hermann Kerkeling vom nationalsozialistischen Regime politisch verfolgt wurde. Niemand bestreitet seine spätere Haft in Buchenwald. Niemand bestreitet das verbrecherische Wesen des Konzentrationslagersystems.

Aber seine Biografie bestand eben nicht nur daraus.

Hermann Kerkeling war Kommunist. Er war Gegner der Nationalsozialisten. Er wurde wegen der Herstellung und Verbreitung einer kommunistischen Druckschrift wegen „Vorbereitung des Hochverrats“ verurteilt.

Aber ebenso ist dokumentiert, dass er wegen gewöhnlicher schwerer Straftaten verurteilt wurde.

Zeitgenössische Presseberichte bezeichneten ihn als Anführer einer Diebesbande und als „berüchtigten Einbrecher“. Im Oktober 1933 wurde Hermann Kerkeling wegen Bandendiebstahls zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Wenige Wochen später kam wegen „Vorbereitung des Hochverrats“ eine zusätzliche Strafe hinzu.

Auch die Arolsen Archives halten fest, dass ihm nicht nur politische Delikte, sondern auch Einbruch und Diebstahl vorgeworfen wurden.

Nach Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er allerdings nicht freigelassen.

Die Gestapo nahm ihn in sogenannte Schutzhaft und deportierte ihn nach Buchenwald.

Und genau dort muss man sauber unterscheiden.

Dass jemand wegen Bandendiebstahls verurteilt worden war, rechtfertigte selbstverständlich niemals eine spätere willkürliche KZ-Haft. Die Deportation nach Buchenwald war nationalsozialistische politische Verfolgung.

Menschen können Straftaten begehen, ihre Strafe verbüßen und danach Anspruch darauf haben, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren. Ich habe überhaupt kein Interesse daran, Hermann Kerkeling seine spätere Verfolgung deshalb abzusprechen.

Aber ich habe ein Interesse daran, dass die ganze Geschichte erzählt wird.

Denn Hape Kerkeling hat seinen Großvater öffentlich zu einem wesentlichen Teil seiner moralischen Argumentation gemacht.

Bei der Buchenwald-Gedenkveranstaltung erklärte er sinngemäß, der sogenannte Hochverrat seines Großvaters sei für ihn heute ein höchstes Zeugnis der Treue zur Menschlichkeit.

Im Thüringer Landtag erklärte Kerkeling dann ausdrücklich, er spreche dort nicht als Experte für Verfassungsrecht, sondern als Nachfahre eines Opfers des Nationalsozialismus.

Das ist bemerkenswert.

Denn Kerkeling ist tatsächlich kein Verfassungsrechtler.

Er ist ein sehr erfolgreicher Entertainer, Schauspieler und Autor. Das kann man anerkennen. Aber eine parlamentarische Anhörung zu einem möglichen Parteiverbotsverfahren ist keine Unterhaltungssendung.

Wenn Kerkeling selbst erklärt, dass seine Legitimation für diesen Auftritt gerade aus seiner Familiengeschichte komme, dann darf man genau diese Familiengeschichte selbstverständlich untersuchen.

Und dann darf man auch fragen: Warum wird die strafrechtliche Vorgeschichte seines Großvaters in dieser moralischen Erzählung nicht erwähnt?

Warum entsteht der Eindruck, die jahrelange Haft sei ausschließlich die Folge kommunistischen Widerstands gewesen, wenn ein erheblicher Teil der Zuchthausstrafe auf einer Verurteilung wegen Bandendiebstahls beruhte?

Beides gehört zur Biografie.

Der kommunistische Widerstand.

Die Verurteilung wegen gewöhnlicher Straftaten.

Die politische Verfolgung.

Die spätere KZ-Haft.

Wer von anderen einen verantwortungsvollen Umgang mit Geschichte verlangt, muss diesen Maßstab auch an die eigene Familienerzählung anlegen.

Und hier kommt noch etwas hinzu.

Wenn Kerkeling die politische Haltung seines kommunistischen Großvaters moralisch in dieser Weise hervorhebt, dann darf man auch fragen, wie er sich eigentlich zum historischen Kommunismus verhält.

Es geht um die auffällige moralische Asymmetrie.

Nationalsozialistische Verbrechen werden vollkommen zu Recht zum moralischen Bezugspunkt gemacht.

Die monströsen Verbrechen kommunistischer Systeme tauchen in dieser Erzählung praktisch nicht auf.

Genau diese Schieflage kritisiere ich.

Der eigentliche Unterschied zwischen uns liegt aber wohl tiefer.

Sie behandeln die Einordnung des Nationalsozialismus bereits als fertiges Ergebnis.

Wir behandeln genau diese Einordnung als Untersuchungsgegenstand.

Warum nannten diese Leute ihre Bewegung Nationalsozialismus?

Was verstanden sie selbst darunter?

Was meinte Goebbels, wenn er sich ausdrücklich als Sozialisten bezeichnete?

Wie standen Nationalsozialisten zu Staat, Eigentum, Kapital, Arbeit, Klasse, Volk, Kollektiv, Marxismus und Internationalismus?

Goebbels schrieb 1928 tatsächlich:

„Der Sozialismus ist die Lehre von der Arbeit.“

Im selben Zusammenhang bezeichnete er sich ausdrücklich als Sozialisten.

Heißt das automatisch, Nationalsozialismus sei marxistischer Sozialismus gewesen?

Nein.

Das wäre genauso billig.

Aber es heißt sehr wohl, dass man untersuchen muss, was Nationalsozialisten selbst mit diesem Begriff verbanden, was davon Propaganda war, was Programmatik und was davon später Regierungspraxis wurde.

Warum sollte ausgerechnet diese Frage verboten sein?

„Rechts, fertig“ ist dafür keine historische Methode.

Und jetzt kommen wir zu Alexander Solschenizyn und Ernst Nolte.

Solschenizyns „Archipel Gulag“ war für die westliche Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Terrorsystem ein Einschnitt.

Solschenizyn hatte das System nicht aus einem westlichen Seminarraum beschrieben.

Er hatte es selbst erlebt.

Sein Werk stellte den Gulag nicht bloß als bedauerliche Entgleisung eines ansonsten funktionierenden Systems dar. Er arbeitete heraus, wie tief politische Repression, Lager, Zwangsarbeit und Terror bereits im bolschewistischen Herrschaftssystem verwurzelt waren.

Damit lag plötzlich etwas auf dem Tisch, das für die spätere Debatte von enormer Bedeutung wurde:

Der bolschewistische Terror war älter als der nationalsozialistische Terror.

Und genau dort setzte Ernst Nolte später an.

Seine berühmt gewordene Frage im Historikerstreit lautete:

„War nicht der Archipel GULag ursprünglicher als Auschwitz?“

Nolte fragte weiter, ob der bolschewistische Klassenmord das logische und faktische Prius des nationalsozialistischen Rassenmords gewesen sei.

Das war eine hoch umstrittene These.

Natürlich.

Aber es war eine historische These.

Und auf eine historische These antwortet man mit Quellen.

Nolte stellte die Frage, ob bestimmte Formen politischen Terrors, der Massendeportation, des Lagersystems, der Vernichtung gesellschaftlicher Gruppen und der ideologisch begründeten Massengewalt im Bolschewismus zeitlich früher aufgetreten waren und ob diese Vorgeschichte für das Verständnis des Nationalsozialismus eine Rolle spielte.

Man kann seine Antwort ablehnen.

Man kann seine Kausalitätsthese für falsch halten.

Viele Historiker haben das getan.

Aber damit ist die Frage selbst nicht unanständig.

Sie ist erst recht nicht dadurch erledigt, dass man denjenigen, der sie stellt, moralisch verdächtig macht.

Und genau an diesem Punkt ging Jürgen Habermas Nolte frontal an.

Das war einer der Kerne des Historikerstreits.

Gerade deshalb ist dieser Streit für unsere Arbeit so interessant.

Er zeigt, wie schnell eine historische Frage zu einer politischen und moralischen Frontstellung werden kann.

Auch Habermas ist kein Papst der Geschichtswissenschaft.

Auch er kann sich irren.

Auch seine Interpretation Noltes wurde kritisiert.

Und selbstverständlich gilt dasselbe für Nolte.

Genau darum geht es.

Nicht glauben.

Prüfen.

Das gilt auch für die Frankfurter Schule.

Sie war eine wichtige geistige Quelle der westdeutschen Studentenbewegung und der sogenannten 68er.

Jürgen Habermas lehrte Philosophie und Soziologie. Adorno, Horkheimer und Habermas waren wichtige intellektuelle Bezugspunkte einer Generation, die Gesellschaft, Kapitalismus, Autorität und die Bundesrepublik grundsätzlich kritisierte.

Daraus wäre es Unsinn abzuleiten, Habermas oder Adorno hätten einfach die RAF ausgebildet.

So funktioniert Ideengeschichte nicht.

Aber genauso unsinnig wäre es, die ideengeschichtlichen Verbindungen zwischen Kritischer Theorie, Marxismusrezeption, Studentenbewegung und den späteren Radikalisierungsprozessen einfach wegzuwischen.

Aus der Studentenbewegung entstanden unterschiedliche politische Wege.

Die allermeisten Menschen wurden keine Terroristen.

Ein Teil radikalisierte sich jedoch bis zum bewaffneten Kampf.

Und natürlich ist dann für einen Ideenhistoriker interessant, welche geistigen Milieus, welche politischen Begriffe und welche Weltbilder dieser Radikalisierung vorausgingen.

Auch das muss untersucht werden dürfen.

Dann kommen wir zur Machtpolitik.

Stalin kooperiert zunächst mit Hitler.

Deutschland und die Sowjetunion schließen Verträge, treiben Handel und verfolgen ihre jeweiligen Interessen.

Dann greift Hitler die Sowjetunion an.

Und kurze Zeit später rüstet Roosevelt Stalin in gigantischem Umfang auf.

An dieser Stelle wird ein Totalitarismusforscher hellhörig.

Denn die Roosevelt-Regierung war im damaligen amerikanischen Parteienspektrum eine linke Regierung.

Sie stand politisch deutlich links von den republikanischen Vorgängerregierungen. Der New Deal bedeutete eine massive Ausweitung staatlicher Wirtschaftsintervention, Sozialpolitik und Gewerkschaftsrechte.

Und genau diese linke amerikanische Regierung entschied sich nun, Stalins kommunistische Sowjetunion in einem gewaltigen industriellen Umfang zu unterstützen.

Nicht mit ein paar symbolischen Hilfslieferungen.

Wir reden über fast 15.000 Flugzeuge.

Über Hunderttausende Lastwagen.

Über Tausende Panzer.

Über Tausende Lokomotiven und weit über zehntausend Eisenbahnwaggons.

Über gewaltige Mengen Treibstoff, Sprengstoff, Lebensmittel, Rohstoffe, Kommunikationsmaterial und Industrieausrüstung.

Das Gesamtvolumen der amerikanischen Lend-Lease-Hilfe für die Sowjetunion lag bei ungefähr elf Milliarden damaligen Dollar.

Elf Milliarden Dollar Anfang der 1940er Jahre.

Allein diese Zahl muss man erst einmal auf sich wirken lassen.

Und Washington wusste zu diesem Zeitpunkt längst, mit welchem Regime es zu tun hatte.

Die stalinistischen Säuberungen waren bekannt.

Politische Verfolgung war bekannt.

Hinrichtungen waren bekannt.

Der Terror war amerikanischen Diplomaten keineswegs verborgen geblieben.

Roosevelt unterstützte Stalin also nicht aus Unwissenheit.

Er traf eine strategische Entscheidung.

Natürlich liegt der unmittelbare militärische Grund auf der Hand:

Hitler war zum gemeinsamen Gegner geworden.

Aber für einen Totalitarismusforscher ist damit nicht Schluss.

Genau da wird es interessant.

Warum unterstützt eine linke Regierung eine kommunistische Diktatur in dieser Größenordnung, obwohl ihr der Charakter dieses Regimes bekannt ist?

Welche Rolle spielten Ideologie, Machtpolitik, Wirtschaftsinteressen, Bündnislogik und Kriegsziele?

Was wurde politisch und moralisch zurückgestellt, weil der strategische Nutzen größer erschien?

Welche Interessen gab es?

Wer wusste wann was?

Und wie wurde das alles später erzählt?

Das sind keine Verschwörungsfragen.

Das sind historische Fragen.

Heute kooperiert Stalin mit Hitler.

Morgen führt Hitler Krieg gegen Stalin.

Kurz darauf rüstet eine linke amerikanische Regierung Stalin in einer Größenordnung auf, die für die sowjetische Kriegsführung erhebliche Bedeutung hatte.

Und wer Totalitarismus untersucht, darf an dieser Stelle nicht einfach sagen: uninteressant, weil die USA Demokratien waren und Stalin Kommunist war.

Gerade der Widerspruch ist interessant.

Geschichte ist eben komplizierter als ein Etikett.

Und damit komme ich noch einmal zu einem Punkt, der mir persönlich sehr wichtig ist.

Warum wird in Deutschland so häufig mit zweierlei moralischen Maßstäben gearbeitet?

Warum ist es völlig selbstverständlich, die Verbrechen des Nationalsozialismus immer wieder zu untersuchen, immer wieder zu dokumentieren, immer wieder neue Täterbiografien, neue Mitverantwortung, neue Kontinuitäten und neue Zusammenhänge aufzudecken?

Ich halte das für richtig.

Aber warum soll dieselbe Hartnäckigkeit beim Kommunismus plötzlich verdächtig sein?

Warum soll es unanständig sein, nach den Opfern Stalins zu fragen?

Nach den Opfern Maos?

Nach den Opfern der Roten Khmer?

Nach den christlichen Opfern?

Nach verfolgten Juden?

Nach den politischen Gefangenen?

Nach dem Gulag?

Nach den erschossenen Priestern?

Nach den Schauprozessen?

Nach den Deportationen?

Warum?

Genau hier beginnt meine Kritik an einer Erinnerungskultur, die mitunter sehr unterschiedlich gewichtet.

Und genau deshalb ist auch der Satz „Die Sieger schreiben die Geschichte“ für mich keine billige Stammtischparole.

Er ist eine Aufforderung zur Vorsicht.

Denn selbstverständlich nehmen Sieger Einfluss darauf, welche Geschichte zuerst erzählt wird, welche Archive kontrolliert werden, welche Dokumente verfügbar sind und welche politischen Narrative nach einem Krieg entstehen.

Bei den Nürnberger Prozessen saß die Sowjetunion nicht auf der Anklagebank.

Sie saß auf der Seite der Ankläger.

Gleichzeitig hatte dieses Regime selbst schwere Verbrechen begangen.

Beim Massaker von Katyn versuchte die sowjetische Seite sogar, das von ihrem eigenen Geheimdienst begangene Verbrechen den Deutschen anzulasten.

Heute wissen wir, wer für Katyn verantwortlich war.

Genau solche Fälle sind es, bei denen ein Historiker wach werden muss.

Nicht weil damit die nationalsozialistischen Verbrechen verschwinden.

Kein einziges nationalsozialistisches Verbrechen wird dadurch kleiner.

Aber weil wir daran sehen können, wie Macht, Propaganda, Interessen und Geschichtsschreibung ineinandergreifen können.

Und genau deshalb beschäftige ich mich seit Jahrzehnten mit diesem Thema.

Ich hatte sehr früh die deutsche Ausgabe des „Schwarzbuchs des Kommunismus“, einschließlich des Beitrags von Joachim Gauck, in der Hand.

Damals begann ich, Material zur Totalitarismusgeschichte systematisch zu sammeln.

Daraus wurde irgendwann wesentlich mehr als eine private Sammlung.

Heute stehen zwei sehr umfangreiche wissenschaftliche Bände unmittelbar vor ihrer Fertigstellung.

Rund tausend Seiten je Band.

Sie gehören zu einem auf sieben Bände angelegten wissenschaftlichen Gesamtwerk.

Dazu kommen Beiträge von Gastautoren.

Primärquellen, wissenschaftliche Arbeiten, Dissertationen, Akten und widersprechende Positionen werden dort gegeneinander geprüft.

Und genau so arbeite ich.

Ich nehme nicht Nolte und sage: Der Mann hat recht.

Ich nehme nicht Habermas und sage: Der Mann hat recht.

Ich nehme nicht Solschenizyn und sage: Damit ist alles bewiesen.

Ich nehme auch nicht Goebbels und sage: Wenn er sich Sozialist nennt, muss der Nationalsozialismus automatisch Sozialismus gewesen sein.

Ich schaue mir an, was diese Leute gesagt haben.

Dann schaue ich mir an, was tatsächlich passiert ist.

Und dann werden Quellen, Gegenquellen und reale Herrschaftspraxis gegeneinandergelegt.

Wenn eine These diese Prüfung nicht übersteht, fliegt sie raus.

Eine Universität kann recht haben.

Ein berühmter Professor kann recht haben.

Beide können sich irren.

Wenn Nolte falsch liegt, fällt Nolte.

Wenn Habermas falsch liegt, fällt Habermas.

Wenn unsere eigene Ausgangsthese falsch ist, fällt auch die.

Genau das verstehe ich unter forensischer Geschichtsforschung.

Deshalb untersuchen wir auch die Begriffe „links“, „rechts“ und „Mitte“ selbst.

Wir setzen diese Kategorien nicht einfach voraus und sortieren anschließend die Geschichte passend hinein.

Wir vergleichen die tatsächlichen Eigenschaften der Ideologien, ihre Menschenbilder, ihre Vorstellungen von Staat und Gesellschaft und vor allem ihre reale Herrschaftspraxis.

Wo stehen Individuum und Kollektiv?

Wie wird Eigentum behandelt?

Wie wird Opposition behandelt?

Welche Rolle hat die Partei?

Welche Rolle hat der Staat?

Welche Rolle spielen Gewalt und Zwang?

Welche Rolle haben Religion, Familie, Wirtschaft, Klasse oder Rasse?

Wie sieht die Realität hinter der Programmatik aus?

Genau diese Dinge werden gegeneinandergelegt.

Erst danach ziehen wir Schlussfolgerungen.

Und noch etwas, Herr Wischnewski.

Wenn ich mir ansehe, wie diese Diskussion begonnen hat, fällt mir der aggressive Ton schon auf.

„Scheiße ohne Sinn.“

Dann persönliche Herabsetzungen.

Dann „Stammtisch-Hufeisen“, „Leichen-Quartett“, „Opfer-Protz“, „akademische Kreisverbrennung“.

Das ist für eine historische Diskussion erstaunlich viel Aggression und erstaunlich wenig Bereitschaft, dem anderen zunächst einmal zuzuhören.

Diese Art der Auseinandersetzung begegnet mir leider auch in Teilen des linken politischen Spektrums immer wieder.

Eine abweichende These wird nicht geprüft.

Sie wird zunächst etikettiert.

Sie wird lächerlich gemacht.

Derjenige, der sie äußert, wird moralisch einsortiert.

Und irgendwann redet niemand mehr über die ursprüngliche Frage.

Diese Kritik müssen Sie mir erlauben.

Ich behaupte ausdrücklich nicht, dass jeder Mensch aus dem linken Spektrum so diskutiert.

Im Gegenteil.

Ich habe ausgesprochen streitbare Linke kennengelernt, mit denen Diskussionen wirklich Freude gemacht haben.

Menschen, die mir hart widersprechen.

Menschen, die eine Gegenquelle auf den Tisch legen.

Menschen, die sagen: Andreas, da liegst du falsch, und anschließend erklären sie mir auch, warum.

Und Menschen, die ebenso bereit sind, nach einer Gegenprüfung zu sagen: Gut, an diesem Punkt hattest du recht.

Mit solchen Leuten kann man stundenlang streiten.

Man muss am Ende überhaupt nicht derselben Meinung sein.

Aber beide Seiten gehen aus einer solchen Diskussion klüger heraus, als sie hineingegangen sind.

Genau das macht eine gute politische und historische Streitkultur aus.

Leider begegnet einem diese Form der Diskussion viel zu selten.

Und deshalb finde ich es schade, wenn eine Auseinandersetzung schon mit „Scheiße ohne Sinn“ beginnt.

Wenn wir ernsthaft über Geschichte reden wollen, dürfen wir unangenehme Fragen nicht dadurch erledigen, dass wir denjenigen lächerlich machen, der sie stellt.

Und damit zurück zu Ihren Einwänden.

Die Verfolgung von Kommunisten durch Nationalsozialisten widerlegt den Totalitarismusvergleich nicht.

Ihre Kritik am „Schwarzbuch des Kommunismus“ lässt die dokumentierten Massenverbrechen kommunistischer Herrschaft nicht verschwinden.

Die systematische Verfolgung von Christen und die Verfolgung von Juden unter kommunistischer Herrschaft verschwinden ebenfalls nicht.

Der Hinweis auf eine mögliche Radikalisierung der AfD liefert noch keinen Nachweis für Kerkelings Buchenwald-Vergleich.

Die vollständige Untersuchung der Biografie Hermann Kerkelings ist keine Herabwürdigung eines NS-Verfolgten.

Und der Hinweis darauf, dass Hermann Kerkeling gleichzeitig Kommunist, politischer Gegner des Nationalsozialismus, späterer KZ-Häftling und zuvor wegen Bandendiebstahls verurteilter Straftäter war, ist keine Geschichtsklitterung.

Es ist das Gegenteil.

Es ist die vollständige Geschichte.

Bis hierher haben Sie also keinen der von Ihnen behaupteten sachlichen Fehler unseres Artikels nachgewiesen.

Das heißt nicht, dass die Diskussion beendet ist.

Ganz im Gegenteil.

Wenn Sie einen dieser Punkte wirklich gründlich diskutieren wollen, tun wir das gern.

Nehmen Sie sich einen heraus.

Nationalsozialismus.

Kommunismus.

Solschenizyn.

Nolte.

Habermas.

Frankfurter Schule.

Gulag.

Christenverfolgung.

Judenverfolgung unter kommunistischen Regimen.

Opferzahlen.

Roosevelt und Stalin.

Oder die Frage, was „links“ und „rechts“ historisch überhaupt bedeuten.

Dann gehen wir an die Quellen und sehen, was am Ende stehen bleibt.

Vielleicht haben Sie an einem Punkt recht.

Vielleicht wir.

Vielleicht müssen beide Seiten etwas korrigieren.

Genau dafür führt man eine ernsthafte Diskussion.“

Zwischenzeitlich legte Wischnewski noch einmal nach und schrieb wörtlich:

„Sobald Euer Schwachsinn widerlegt wird, schweigen Eure Rechtsextremen Mäuler.“

Aus diesem Grund haben wir die Auseinandersetzung nun hier veröffentlicht und dokumentieren sie vollständig. So bleibt nachvollziehbar, welche Argumente vorgebracht wurden, welche Aussagen später gelöscht wurden und wie unsere sachliche Antwort darauf lautet.

 

 

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