Sind wir der Rest einer kosmischen Vernichtung ?

Das Rätsel der Antimaterie und die offene Rechnung unserer Existenz

28.09.2026 · Wissenschaftlicher Essay – von Andreas Manousos


Lesezeit: etwa 12 Minuten

 

In jedem Atom unseres Körpers steckt ein ungelöstes Kapitel der Kosmologie. Die gewöhnliche Materie unserer Welt überstand eine Frühphase, in der Teilchen und Antiteilchen einander fortwährend vernichteten. Ein winziger Überschuss blieb erhalten. Woher er kam, beschäftigt die Physik seit Jahrzehnten. Wer seiner Entstehung nachgeht, landet bei Experimenten mit eingefangener Antimaterie, bei möglichen neuen Naturgesetzen und schließlich bei der Frage, weshalb überhaupt etwas existiert.

Auf 1.300 Fotografien von Teilchenspuren fand Carl David Anderson etwas Ungewöhnliches. Fünfzehn Spuren passten zu positiv geladenen Teilchen, die erheblich leichter als Protonen sein mussten. In seiner 1933 veröffentlichten Untersuchung nannte er sie Positronen. Das Gegenstück zum Elektron hatte eine erkennbare Spur hinterlassen. Antimaterie gehörte damit zur beobachtbaren Welt.

Der Name verführt zu einer Vorstellung, die sich beinahe von selbst aufdrängt: Hier die Materie, dort ihr negatives Gegenstück; treffen beide zusammen, ergibt die Rechnung null. Tatsächlich besitzt ein Positron dieselbe positive Ruhemasse wie ein Elektron. Gegensätzlich ist ihre elektrische Ladung. Bei einer Annihilation können aus dem Paar beispielsweise zwei Photonen entstehen. Die Energie beider Teilchen geht in die Reaktionsprodukte über. Die Null gehört in diesem Beispiel zur gesamten elektrischen Ladung. Die Energiebilanz enthält eine positive Summe.

Das Wort „Vernichtung“ beschreibt also das Verschwinden bestimmter Teilchen. Was vorher als Elektron und Positron vorhanden war, liegt anschließend als Strahlung vor. Auch die umgekehrte Richtung gehört zur Physik: Aus ausreichend energiereichen Photonen können Teilchen-Antiteilchen-Paare entstehen. Die STAR-Kollaboration untersuchte solche Elektron-Positron-Paare bei Wechselwirkungen der elektromagnetischen Felder vorbeifliegender Goldkerne und veröffentlichte ihre Ergebnisse 2021 in den Physical Review Letters.

Damit bekommt die Frage nach dem frühen Universum eine konkrete Form. Wie konnten Materie und Antimaterie nebeneinander bestehen, während sie sich gegenseitig vernichteten?

Zunächst hängt eine Annihilation davon ab, dass die beteiligten Teilchen miteinander wechselwirken. Antimaterie kann unter geeigneten Bedingungen beträchtliche Zeit überdauern. Am CERN hielt die ALPHA-Kollaboration bereits 2011 Antiwasserstoff bis zu 1.000 Sekunden in einer magnetischen Falle fest. Das sind mehr als sechzehn Minuten. Durch die Abschirmung gegenüber gewöhnlicher Materie entstand Zeit für Untersuchungen. Die bloße Anwesenheit von Materie irgendwo in der Umgebung löst folglich keine augenblickliche Vernichtung aus.

Im heißen frühen Universum herrschte eine andere Situation. Dort fanden ständig energiereiche Zusammenstöße statt. Teilchenpaare entstanden, andere annihilierten. Bei ausreichend hohen Temperaturen hielten sich Erzeugung und Vernichtung im thermischen Gleichgewicht. Materie und Antimaterie konnten deshalb im selben Plasma vorkommen. Eine vorherige Aufteilung in getrennte kosmische Bezirke war dafür entbehrlich. Mit der Expansion kühlte das Universum ab. Die Erzeugung schwerer Paare wurde zunehmend schwieriger, während vorhandene Teilchen und Antiteilchen weiter miteinander reagieren konnten.

Eine einfache Rechnung zeigt, was ein Überschuss bewirkt. Man nehme, rein zur Veranschaulichung, 101 Protonen und 100 Antiprotonen. Annihilieren hundert Paare, bleibt ein Proton übrig. Die entscheidende Frage steckt bereits in der Ausgangslage: Wie kamen die 101 gegenüber den 100 zustande? Annihilation vermindert beide Bestände gemeinsam. Eine zuvor vorhandene Differenz kann sie auf diese Weise erhalten; ihre Entstehung verlangt eine zusätzliche Erklärung.

Genau dieser Differenz widmet sich die Baryogenese-Forschung. Baryonen sind Teilchen wie Protonen und Neutronen, aus denen Atomkerne bestehen. Ihre kosmische Häufigkeit lässt sich heute erstaunlich genau bestimmen. Dafür dienen unter anderem die feinen Temperaturunterschiede der kosmischen Hintergrundstrahlung, deren Entdeckung auf die 1965 veröffentlichte Messung von Arno Penzias und Robert Wilson zurückgeht. Die viel späteren Planck-Messungen erlauben es, aus den Mustern dieser Strahlung die Menge gewöhnlicher Materie im Rahmen des kosmologischen Modells abzuleiten.

Eine weitere Prüfung liefern die Häufigkeiten leichter Atomkerne, die im frühen Universum entstanden. Besonders aufschlussreich ist Deuterium, eine schwere Form des Wasserstoffs. Ryan Cooke, Max Pettini und Charles Steidel veröffentlichten 2018 eine Bestimmung seiner ursprünglichen Häufigkeit mit einer Genauigkeit von ungefähr einem Prozent. Solche Messungen ermöglichen einen Vergleich mit der aus der Hintergrundstrahlung erschlossenen Materiedichte. Verschiedene Beobachtungen und unterschiedliche physikalische Vorgänge führen damit zu einer überprüfbaren kosmischen Bilanz.

Die Größenordnung dieser Bilanz lautet: Auf zehn Milliarden Photonen der Hintergrundstrahlung kommen ungefähr sechs Baryonen. Der entsprechende Zahlenwert beträgt rund \(6{,}1 \times 10^{-10}\). Er beschreibt ein Mengenverhältnis. Als Wahrscheinlichkeit dafür, dass unser Universum entstehen konnte, lässt er sich unmittelbar ebenso wenig verwenden wie als exakte Zählung ursprünglicher Materie-Antimaterie-Paare.

Der Überschuss besitzt somit eine solide Beobachtungsgrundlage. Seine Herkunft wird weiterhin erforscht. Insbesondere gehört die Annahme eines anfangs exakt ausgeglichenen Materie-Antimaterie-Verhältnisses zu den Voraussetzungen vieler Erklärungsmodelle. Eine unmittelbare Messung dieses Anfangszustands liegt außerhalb unserer bisherigen Beobachtungen. Die Forschung untersucht daher, wie eine Asymmetrie dynamisch entstehen konnte und welche Spuren ein solcher Vorgang hinterlassen müsste.

Andrei Sacharow formulierte 1967 die dafür grundlegenden Bedingungen. Unter den üblichen Voraussetzungen muss es Vorgänge geben, die die Differenz zwischen Baryonen und Antibaryonen verändern können. Die Natur muss außerdem bestimmte Materie-Antimaterie-Symmetrien verletzen. Schließlich braucht der Prozess eine Abweichung vom thermischen Gleichgewicht, damit sich ein Überschuss aufbauen und erhalten kann. Sacharows Arbeit machte aus einer kosmischen Irritation ein physikalisches Forschungsprogramm. Nun ließ sich nach konkreten Wechselwirkungen suchen, die diese Anforderungen erfüllen.

Ein Teil der Voraussetzungen war experimentell bereits greifbar. James Christenson, James Cronin, Val Fitch und René Turlay hatten 1964 bei neutralen Kaonen eine Verletzung der sogenannten CP-Symmetrie nachgewiesen. Hinter dem Kürzel steckt eine kombinierte Operation: Teilchen werden durch ihre Antiteilchen ersetzt und räumliche Verhältnisse gespiegelt. Bestimmte Zerfälle zeigen, dass die so gegenübergestellten Vorgänge unterschiedlich häufig stattfinden.

2025 kam ein wichtiger Befund hinzu. Die LHCb-Kollaboration berichtete in Nature erstmals über eine eindeutige Beobachtung dieser Symmetrieverletzung bei Baryonen. Bei einem untersuchten Zerfall des Lambda-b-Teilchens und seines Antiteilchens ergab sich eine CP-Asymmetrie von 2,45 Prozent. Die statistische Signifikanz betrug 5,2 Standardabweichungen. Damit wurde ein Verhaltensunterschied in jener Teilchenfamilie nachgewiesen, zu der auch die Bausteine unserer Atomkerne gehören. Wie dieser Befund mit einer kosmischen Entstehungsgeschichte zusammenhängt, muss durch konkrete Modelle geklärt werden. Eine Zerfallsasymmetrie im Labor und das kosmische Baryonen-Photonen-Verhältnis bezeichnen verschiedene Größen.

Zu den aussichtsreichen Erklärungswegen zählt die Leptogenese. Masataka Fukugita und Tsutomu Yanagida schlugen 1986 vor, zunächst eine Asymmetrie bei Leptonen zu erzeugen, einer Teilchenfamilie, zu der unter anderem Neutrinos gehören. In verbreiteten Varianten zerfallen hypothetische schwere Neutrinos so, dass Leptonen und Antileptonen unterschiedlich häufig entstehen. Prozesse der elektroschwachen Theorie können anschließend einen Teil dieser Asymmetrie in einen Baryonenüberschuss übertragen. Die schweren Neutrinos dieser Modelle gehören zu den gesuchten, bislang unbestätigten Zutaten.

Andere Forscher setzen bei einem möglichen Phasenübergang des frühen Universums an. Bei der elektroschwachen Baryogenese könnten sich Blasen einer neuen Phase gebildet haben. An ihren wandernden Grenzen hätten geeignete Wechselwirkungen Materie und Antimaterie unterschiedlich beeinflusst. Eine 2026 veröffentlichte Übersicht von Jorinde van de Vis, Jordy de Vries und Marieke Postma beschreibt die Anforderungen ausführlich: Benötigt werden zusätzliche Physik im Umfeld des Higgs-Feldes und neue Quellen der CP-Verletzung. Dafür entstehen überprüfbare Erwartungen, etwa für Teilchenbeschleuniger, Präzisionsmessungen elektrischer Dipolmomente oder bestimmte Gravitationswellensignale.

Vielleicht liegt die Antimaterie aber einfach anderswo. Der Gedanke an entfernte Antigalaxien ist naheliegend und wurde gründlich untersucht. Andrew Cohen, Álvaro De Rújula und Sheldon Glashow berechneten für eine 1998 veröffentlichte Arbeit die Folgen eines Universums aus großen Materie- und Antimateriegebieten. An deren Grenzen müsste Annihilationsstrahlung entstehen. Unter den untersuchten Bedingungen wäre das erwartete Gammasignal mit den Beobachtungen nur vereinbar, wenn unser Materiegebiet praktisch das gesamte sichtbare Universum umfasst. Diese Untersuchung setzt dem großräumigen Nebeneinander enge Grenzen. Aussagen über beliebig weit entfernte, unbeobachtbare Bereiche lassen sich daraus nicht gewinnen.

Kleinere Antimaterieansammlungen bleiben Gegenstand eigener Suchprogramme. Simon Dupourqué, Luigi Tibaldo und Peter von Ballmoos nutzten 2021 den zehnjährigen Fermi-Gammastrahlenkatalog, um mögliche Antisterne einzugrenzen. Vierzehn Quellen erfüllten bestimmte Auswahlkriterien; ihre tatsächliche Natur blieb offen. Aus der Untersuchung ergaben sich modellabhängige Obergrenzen für die Häufigkeit solcher Objekte. Die Frage wird damit an Beobachtungen geprüft, statt durch eine bloße Symmetrieerwartung entschieden.

Die Geschichte dieser Forschung zeigt, wie eng unsere Vorstellungen vom Ursprung an ihren jeweiligen Kenntnisstand gebunden sind. Edward Tryon schlug 1973 in Nature vor, das Universum als Quantenfluktuation des Vakuums zu verstehen. Zu den Vorhersagen seines damaligen Modells gehörten gleiche Mengen Materie und Antimaterie. Tryon hielt das seinerzeit für mit den Beobachtungen vereinbar. Gerade dieser Punkt verdeutlicht, weshalb eine eindrucksvolle Ursprungsidee an späteren Daten erneut geprüft werden muss.

James Hartle und Stephen Hawking entwickelten 1983 einen quantenkosmologischen Ansatz für die Wellenfunktion des Universums. Alexander Vilenkin untersuchte die Quantenerzeugung von Universen. Solche Arbeiten versuchen, die Bedingungen kosmischer Entstehung mathematisch zu erfassen. Ihre Erklärungskraft hängt unter anderem davon ab, welche Grundgleichungen und Randbedingungen angesetzt werden und welche Beobachtungsfolgen sich daraus ergeben. Eine empirisch bestätigte Gesamterklärung des absoluten Ursprungs steht weiterhin aus.

Beim Wort „Vakuum“ lohnt sich dabei besondere Aufmerksamkeit. In der Quantenfeldtheorie bezeichnet es einen physikalischen Zustand mit bestimmbaren Eigenschaften. Auch eine Instabilität wäre bereits eine Eigenschaft eines solchen Zustands. Wer daraus den Ursprung der Welt erklären möchte, arbeitet folglich mit einer vorhandenen theoretischen Struktur. Wie vorsichtig anschauliche Bilder zu behandeln sind, zeigte Robert Jaffe 2005 am Casimir-Effekt: Die betreffenden Kräfte lassen sich auch über Wechselwirkungen zwischen Ladungen und Strömen berechnen. Die populäre Erzählung vom ständig aufflackernden Teilchenfeuerwerk stellt somit eine Deutung dar, deren Reichweite eigens zu prüfen ist.

Hier berührt die Suche nach dem Materieüberschuss eine Frage, die Gottfried Wilhelm Leibniz 1714 in ihrer berühmten Form stellte: Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Sein Ausgangspunkt war das Prinzip des zureichenden Grundes. Was existiert, sollte einen Grund dafür haben, dass es existiert und gerade so beschaffen ist. Leibniz führte diesen Gedanken zu einem notwendigen Sein, das den Grund seiner Existenz in sich selbst trägt. Dieses notwendige Sein bezeichnete er als Gott.

Man kann nachvollziehen, weshalb ihn eine immer weiter zurückreichende Entstehungsgeschichte unbefriedigt ließ. Eine Erklärung des heutigen Universums durch einen früheren Zustand liefert einen Zusammenhang. Der frühere Zustand bekommt dadurch seinen Platz in der Geschichte. Die Frage, weshalb es diese Geschichte überhaupt gibt, bleibt zu untersuchen. Selbst eine zeitlich unbegrenzte Folge von Zuständen könnte diese Frage aufwerfen. Leibniz hatte gerade diesen Fall ausdrücklich bedacht.

Die eigentliche philosophische Schwierigkeit liegt deshalb im Anspruch an eine letzte Erklärung. Soll sie aus etwas anderem folgen, entsteht eine weitere Begründungsfrage. Soll sie aus sich selbst folgen, muss verständlich werden, was diese Notwendigkeit ausmacht. Mit dem Wort „notwendig“ allein wäre wenig gewonnen. Eine überzeugende Theorie müsste zeigen, weshalb die angenommene Alternative ausgeschlossen ist und wie sich aus ihrem Grund tatsächlich eine Wirklichkeit ergibt.

Der Physiker Roderich Tumulka hat diese Schwierigkeit in einem Beitrag für The Philosophy of Cosmology untersucht. Er fragt, wie weit eine Erklärung reichen kann, die Gegenstände und Naturgesetze voraussetzt. Zugleich erprobt er selbst einen weitergehenden Ansatz. Bemerkenswert ist seine Bereitschaft, den eigenen Vorschlag wieder zu verwerfen: Nach seiner Einschätzung scheitert er am subjektiven Erleben, den sogenannten Qualia. Gerade diese Selbstprüfung macht die Arbeit aufschlussreich. Auch eine sehr weitreichende Ursprungserklärung muss sich daran messen lassen, ob sie der tatsächlich erfahrenen Welt gerecht wird.

Max Tegmark verfolgt mit seiner Hypothese eines mathematischen Universums einen verwandten, eigenständigen Weg. Er untersucht die Möglichkeit, dass unsere physische Welt selbst eine mathematische Struktur ist. Dann würde die Beziehung zwischen Mathematik und Wirklichkeit wesentlich enger ausfallen, als es die übliche Vorstellung von einer bloßen Beschreibung nahelegt. Die Erklärungslast verlagert sich damit auf die behauptete Identität: Weshalb sollte eine mathematische Struktur bereits physische Existenz besitzen? Tegmarks Arbeit entwickelt diese Hypothese und ihre Konsequenzen; ihren Status als Hypothese behält sie dabei.

Vielleicht steckt eine fragwürdige Voraussetzung sogar schon im Vergleich zwischen Etwas und Nichts. John Shand argumentierte 2016 in der philosophischen Zeitschrift Think, vollständiges Nichts sei unmöglich. Unter dieser Voraussetzung wäre irgendeine Form von Existenz unvermeidlich. Der Gedanke verdient Beachtung, weil wir das Nichts sprachlich mühelos benennen können. Aus dieser sprachlichen Verfügbarkeit ergibt sich seine tatsächliche Möglichkeit jedoch erst dann, wenn sich dafür ein tragfähiges Argument angeben lässt. Shands These gehört genau in diesen Streit.

Sean Carroll setzt an einer anderen Stelle an. In seinem Essay über die Existenzfrage vertritt er die Auffassung, jede Erklärung müsse letztlich bei grundlegenden Tatsachen enden. Das Universum könnte eine solche Tatsache sein. Dieser Standpunkt kommt mit weniger zusätzlichen Entitäten aus, nimmt dafür aber eine Grenze der Begründung in Kauf. Ob eine solche Grenze zur Wirklichkeit selbst gehört oder lediglich zu unserer gegenwärtigen Erklärung, bleibt eine philosophische Auseinandersetzung.

Auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung wurde in die Debatte hineingezogen. Guido Imaguire verteidigte einen von Peter van Inwagen entwickelten Ansatz: Unter bestimmten Annahmen über mögliche Welten soll die Wahrscheinlichkeit einer vollständig leeren Welt null betragen. Viel hängt dabei davon ab, wie die möglichen Welten gezählt und ihre Wahrscheinlichkeiten gewichtet werden. Die Kontroverse macht einen entscheidenden Punkt sichtbar: Eine Wahrscheinlichkeitsaussage über mögliche Wirklichkeiten braucht begründete Voraussetzungen. Eine kleine Zahl aus der Teilchenphysik kann diese Voraussetzungen ebenso wenig ersetzen wie unser Staunen darüber, dass wir existieren.

An der Materie-Antimaterie-Frage lässt sich besonders gut erkennen, welchen Gewinn präzises Nachfragen bringt. Die Vorstellung einer restlosen Aufhebung führt zunächst zur Untersuchung der Energieerhaltung. Aus dem vermuteten Widerspruch zwischen Koexistenz und Vernichtung wird die Frage nach Reaktionsraten im heißen Plasma. Schließlich steht die messbare Asymmetrie im Mittelpunkt. Für ihre Entstehung gibt es Modelle, deren Vorhersagen untersucht werden können. So wächst aus einem Einwand ein Forschungsweg.

Für die weitergehende Existenzfrage erscheint mir vor allem die Suche nach einer begründbaren Notwendigkeit ergiebig. Wer das Sein als selbstverständlich hinnimmt, beendet die Nachfrage früh. Wer vollständiges Nichts als selbstverständlich mögliche Alternative voraussetzt, trifft ebenfalls eine weitreichende Entscheidung. Beide Annahmen verdienen dieselbe Sorgfalt, mit der Physiker einen unerwarteten Teilchenzerfall untersuchen.

Eine künftige Theorie der Baryogenese könnte erklären, weshalb die gewöhnliche Materie unserer Welt erhalten blieb. Sie würde damit ein konkretes Kapitel unserer Herkunft erschließen. Die Frage nach dem Grund der Wirklichkeit verlangt darüber hinaus, die Voraussetzungen einer solchen Erklärung selbst zu verstehen. Wie weit das gelingen wird, entscheidet sich an der Qualität künftiger Argumente und Erkenntnisse.

Bis dahin besitzt das Staunen einen sehr bestimmten Gegenstand: Wir können den winzigen kosmischen Überschuss messen, aus dem unsere materielle Welt hervorging. Und ein Teil dieser Materie ist inzwischen fähig, nach seiner eigenen Existenz zu fragen.

 

Quellen und weiterführende Fachliteratur

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    https://link.aps.org/doi/10.1103/PhysRev.43.491
  2. CERN: Antimatter. Physikalische Eigenschaften, Erzeugung und Annihilation.
    https://home.cern/science/physics/antimatter/
  3. ALPHA-Kollaboration (2011): Confinement of antihydrogen for 1000 seconds. Nature Physics 7, 558–564; Autorenfassung.
    https://arxiv.org/abs/1104.4982
  4. STAR-Kollaboration (2021): Measurement of e⁺e⁻ Momentum and Angular Distributions from Linearly Polarized Photon Collisions. Physical Review Letters 127, 052302.
    https://link.aps.org/doi/10.1103/PhysRevLett.127.052302
  5. Particle Data Group (2026): Big-Bang Cosmology. Fachübersicht zur thermischen Entwicklung des Universums und zur Baryonenasymmetrie.
    https://pdg.lbl.gov/2026/reviews/rpp2026-rev-bbang-cosmology.pdf
  6. Particle Data Group (2026): Big Bang Nucleosynthesis. Häufigkeiten leichter Elemente und kosmische Baryonendichte.
    https://pdg.lbl.gov/2026/reviews/rpp2026-rev-bbang-nucleosynthesis.pdf
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    https://arxiv.org/abs/1807.06209
  8. Ryan J. Cooke, Max Pettini, Charles C. Steidel (2018): One Percent Determination of the Primordial Deuterium Abundance. The Astrophysical Journal 855, 102; Autorenfassung.
    https://arxiv.org/abs/1710.11129
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    https://arxiv.org/abs/1812.02651
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  20. Simon Dupourqué, Luigi Tibaldo, Peter von Ballmoos (2021): Constraints on the antistar fraction in the Solar System neighborhood from the 10-year Fermi Large Area Telescope gamma-ray source catalog. Physical Review D 103, 083016.
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  22. James B. Hartle, Stephen W. Hawking (1983): Wave function of the Universe. Physical Review D 28, 2960–2975.
    https://link.aps.org/doi/10.1103/PhysRevD.28.2960
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    https://link.aps.org/doi/10.1103/PhysRevD.30.509
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  25. Gottfried Wilhelm Leibniz (1697/1714): Auszüge aus Über den letzten Ursprung der Dinge, Monadologie und Prinzipien der Natur und der Gnade; englische Übersetzungen auf einer Universitätsseite.
    https://spot.colorado.edu/~heathwoo/Phil100/leibniz.html
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    https://arxiv.org/abs/2111.11968
  27. Max Tegmark (2008): The Mathematical Universe. Foundations of Physics 38, 101–150; Autorenfassung.
    https://arxiv.org/abs/0704.0646
  28. John Shand (2016): Why There Is Something Rather Than Nothing. Think 15, Heft 43, 103–115.
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  29. Sean M. Carroll (2018): Why Is There Something, Rather Than Nothing? Autorenmanuskript eines Beitrags für den Routledge Companion to the Philosophy of Physics.
    https://arxiv.org/abs/1802.02231
  30. Guido Imaguire (2022; online 2021): Something Rather Than Nothing. Philosophy 97, Heft 1, 1–22.
    https://www.cambridge.org/core/journals/philosophy/article/abs/something-rather-than-nothing/09AB6FAC769E9FB7BB7548874C9DA4E9

 

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