Wenn Sprache zur Tarnkappe für Propaganda wird: Eine Analyse über zwei der gefährlichsten Begriffe unserer Zeit
Eine zweite Meinung – von Andreas Manousos
Die gefährlichste Manipulation beginnt nicht mit einer Lüge, sondern mit einem Wort. Einem Wort, das scheinbar neutral, scheinbar objektiv daherkommt – und dabei so geladen ist, dass es ganze Wirklichkeiten verdeckt, verdreht oder zerstört. Zwei solcher Begriffe stehen im Zentrum der modernen propagandistischen Sprachführung: „Verschwörungstheorie“ und „Angriffskrieg“. Wer sie gebraucht, ohne ihre Herkunft, Funktion und Wirkung aufzuarbeiten, ist kein neutraler Beobachter, sondern Teil eines ideologischen Kommunikationskrieges – bewusst oder unbewusst.
„Verschwörungstheorie“ – das erfolgreichste Kampfwort der Nachkriegsgeschichte
Der Begriff „Verschwörungstheorie“ wurde nicht etwa durch Spinner entwertet, sondern gezielt von Geheimdiensten instrumentiert. Dokumentiert ist dies im CIA-Memorandum 1035-960 aus dem Jahr 1967, das öffentlich wurde, nachdem immer mehr Stimmen Zweifel an der offiziellen Version der Ermordung John F. Kennedys anmeldeten. Die CIA schlug darin explizit vor, Kritiker als „Verschwörungstheoretiker“ zu diffamieren, um die Legitimität staatlicher Darstellungen aufrechtzuerhalten – ohne auf deren inhaltliche Substanz einzugehen. Die Folge: Das Wort wurde zur rhetorischen Abrissbirne gegen jede Form von Zweifel, Recherche, Querverbindung oder Machtanalyse.
Sprachlogisch betrachtet bedeutet der Begriff „Verschwörungstheorie“ eigentlich nichts anderes als: eine begründete Hypothese über eine verdeckte Absprache – also genau das, was Juristen als Kartelltheorie, konspirative Handlungshypothese oder Anfangsverdacht wegen möglicher Deliktsverabredung bezeichnen würden. In der kriminalistischen Praxis wäre eine solche Theorie Ausgangspunkt von Ermittlungen – nicht Anlass zur Diffamierung.
Doch statt inhaltlicher Prüfung dominiert heute die reflexhafte Abwertung. Jeder, der etwa Machtkonzentrationen hinter NGO-Netzwerken analysiert, NATO-Propaganda entlarvt, WHO-Verbindungen zu Pharmakonzernen untersucht oder auffällige Markt- und Medienkartelle thematisiert, läuft Gefahr, in den medialen Prangerkessel der „Verschwörungstheorie“ geworfen zu werden. Die Funktion ist eindeutig: Kritische Stimmen werden pathologisiert, ihr Inhalt entwertet, ihr Anliegen verächtlich gemacht – unabhängig davon, ob ihre Aussagen nachweisbar sind oder nicht.
Journalisten, die diesen Begriff unreflektiert oder pauschalisierend verwenden, sind daher aus journalistischer Sicht nicht nur fachlich unbrauchbar, sondern grundsätzlich verdächtig, Teil bezahlter Propagandastrukturen zu sein. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass jemand diesen Begriff reflexartig reproduziert, ohne dessen Herkunft, manipulative Wirkung und semantische Entstellung zu kennen. Wer ihn dennoch verwendet, ist entweder schlecht informiert oder strategisch eingebunden – beides macht ihn zu einem Gefährder journalistischer Integrität.
„Angriffskrieg“ – moralischer Totalschlag ohne Kontext
Ebenso entlarvend ist der Begriff „Angriffskrieg“, der besonders in den letzten Jahren als moralisches Totschlagargument gegen Russland in Umlauf gebracht wurde. Dabei ist er juristisch alles andere als eindeutig. Die UN-Charta verbietet Gewaltanwendung, doch erlaubt sie Selbstverteidigung (Artikel 51) und militärische Hilfe auf Einladung. Es gibt aber kein globales, unparteiisches Gericht, das zuverlässig entscheidet, wann genau ein Krieg ein „Angriffskrieg“ im strafrechtlichen Sinn ist – und wann nicht. Die Bezeichnung ist also kein objektives Urteil, sondern ein politisches Machtinstrument, das – wie immer in der Geschichte – von Siegern, Allianzen oder Meinungsmachern verwendet wird.
So wurden etwa der Irakkrieg 2003, der Angriff auf Jugoslawien 1999 oder der Libyenkrieg 2011 nie offiziell als Angriffskriege bezeichnet – obwohl sie ohne UN-Mandat, ohne akute Selbstverteidigungssituation und unter gefälschten Begründungen geführt wurden. In der medialen Darstellung des Ukraine-Krieges hingegen wird die Phrase „Russland hat einen Angriffskrieg begonnen“ gebetsmühlenartig wiederholt – ohne Rücksicht auf die Faktenlage:
Acht Jahre Bürgerkrieg im Donbass mit über 13.000 Toten,
systematische Bombardierung russischsprachiger Städte durch das Kiewer Regime,
das Verbot der russischen Sprache,
Repression gegen die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche,
die offene NATO-Ausrichtung nach 2014 entgegen allen früheren Zusicherungen,
sowie der Bruch des Minsker Abkommens durch Kiew selbst.
Diese Vorgeschichte wird in der westlichen Medienberichterstattung systematisch ausgelassen, um das Bild eines irrationalen, grundlosen Aggressors zu erzeugen. Die Realität ist komplexer, vielschichtiger – und genau deshalb unbequem. Wer „Angriffskrieg“ sagt, ohne diese Ursachen aufzuzählen, betreibt nicht Aufklärung, sondern moralisch aufgeladenes Framing.
Auch hier gilt: Journalisten, die diesen Begriff kontextlos in den Diskurs einspeisen, disqualifizieren sich als ernsthafte Beobachter. Ihre Rolle ist dann nicht die des Chronisten, sondern die des Kriegsbeteiligten im Informationskrieg. Sie stehen im Verdacht, auf Gehaltslisten von Agenturen, Ministerien, NGOs oder Medienkartellen zu stehen, deren Interesse in der Verfestigung des westlichen Deutungsrahmens liegt.
Wahrheit beginnt mit Begriffskritik
Die Begriffe „Verschwörungstheorie“ und „Angriffskrieg“ sind keine Werkzeuge der Erkenntnis – sie sind Instrumente der Kontrolle. Wer sie pauschal verwendet, legt seine journalistische Unabhängigkeit ab und macht sich zum Sprachrohr geopolitischer oder ideologischer Interessen.
Die eigentliche Aufgabe kritischer Medien im 21. Jahrhundert besteht nicht darin, die Begriffe der Mächtigen nachzusprechen, sondern sie zu hinterfragen, zu entlarven und gegebenenfalls neu zu definieren. Denn nur wer die Sprache reinigt, kann die Wahrheit sichtbar machen.
Fazit: Jeder, der heute öffentlich über Krieg, Politik, Macht oder globale Strategien berichtet, hat die Pflicht, Begriffe wie „Verschwörungstheorie“ und „Angriffskrieg“ nicht nur zu meiden – sondern sie dort, wo sie eingesetzt werden, als Zeichen gezielter Meinungsmanipulation kenntlich zu machen.
Denn wer die Sprache nicht mehr hinterfragt, verliert den Zugang zur Wirklichkeit – und wird selbst Teil eines Systems, das er einst zu kritisieren vorgab.
Quellenverzeichnis
- Reuters – Trump fragte Selenskyj, ob Ukraine Moskau treffen könne
https://www.reuters.com/world/europe/trump-asked-zelenskiy-if-ukraine-could-hit-moscow-ft-reports-2025-07-15/ - Reuters – Trump: Selenskyj sollte Moskau nicht angreifen
https://www.reuters.com/world/europe/trump-says-zelenskiy-should-not-target-moscow-2025-07-15/ - Kyiv Post – NATO kann Kaliningrad „schneller als je zuvor“ neutralisieren, warnt US-General
https://www.kyivpost.com/post/56562 - Newsweek – NATO warnt Russland vor der Einnahme europäischer Gebiete
https://www.newsweek.com/nato-russia-territory-europe-2100725 - Reuters – Russland: Trumps Waffenversprechen untergräbt Friedensverhandlungen
https://www.reuters.com/world/europe/russia-says-trumps-new-weapons-pledge-signal-ukraine-abandon-peace-efforts-2025-07-17/ - Reuters – EU schließt sieben russische Banken aus dem SWIFT-System aus
https://www.reuters.com/business/finance/eu-excludes-seven-russian-banks-swift-official-journal-2022-03-02/ - Wikipedia – Central Bank of Iran
https://en.wikipedia.org/wiki/Central_Bank_of_Iran - Internationaler Währungsfonds – Länderprofil Syrien
https://www.imf.org/en/Countries/SYR - Federal Treasury OFAC – US-Sanktionen gegen die Zentralbank von Iran
https://home.treasury.gov/news/press-releases/sm780 - Reuters – USA prüfen russische Gegenmaßnahmen bei einem möglichen SWIFT-Ausschluss
https://www.reuters.com/world/us/us-assesses-russian-retaliation-potential-should-it-be-cut-swift-senator-2022-01-20/ - CSIS – Sanctions, SWIFT and China’s Cross‑Border Interbank Payments System
https://www.csis.org/analysis/sanctions-swift-and-chinas-cross-border-interbank-payments-system - Reuters – Beirut-Anschlag: Berufungsgericht kippt 1,68 Mrd‑Dollar-Urteil gegen Irans Zentralbank
https://www.reuters.com/legal/beirut-bombing-victims-168-billion-iran-judgment-overturned-by-us-appeals-court-2024-11-13/