Die heimliche Pioniertat, die sportliche und gesellschaftliche Normen ins Wanken brachte
Ein historischer Bericht – von Andreas Manousos
Teil 1: Die wahre Geschichte des Boston-Marathons 1966 – eine Frau trotzt Verboten und Vorurteilen
Im Februar 1966 öffnet Roberta „Bobbi“ Gibb voller Vorfreude die Post und findet einen ernüchternden Brief der Boston Athletic Association (B.A.A.) vor. Darin teilt Rennleiter Will Cloney ihr mit, dass man ihr keine Startnummer für den Boston-Marathon geben werde: Es handele sich um ein reines Männer-Rennen, Frauen seien nicht zugelassen – und „Frauen sind nicht physiologisch fähig, einen Marathon zu laufen“. Die Organisatoren fürchten gar medizinische Haftungsrisiken, sollten Frauen die 42,195 Kilometer in Angriff nehmen.
Dieser Absagebrief spiegelt die damals weit verbreiteten Vorurteile: Bis in die 1960er galt es als „wissenschaftliche“ Gewissheit, Frauen könnten aus gesundheitlichen Gründen keine Langstrecken bewältigen. Seit den 1920er-Jahren begrenzten offizielle Regeln die von Frauen zugelassene Laufdistanz auf maximal 800 Meter – später 1,5 Meilen –, weil man glaubte, längere Rennen seien eine Gefahr für „Weiblichkeit“ und Fruchtbarkeit. Selbst führende Sportfunktionäre erklärten internationale Wettbewerbe zu einer „Bedrohung für die Frauengesundheit“. Dieses Klima aus Vorurteil und Paternalismus bildet den Hintergrund für Bobbi Gibbs entschlossene Reaktion: Jetzt erst recht! Die 23-Jährige beschließt, das Verbot zu ignorieren und dem Weltbild der Sportfunktionäre einen Realitätscheck zu verpassen.
Bobbi Gibb ist zu diesem Zeitpunkt keine unbedarfte Amateurin, sondern eine passionierte Läuferin – freilich ohne formales Training. Aufgewachsen in Winchester, Massachusetts, hatte sie schon als Kind das Laufen geliebt: barfuß oder in ihren robusten Krankenschwester-Schuhen jagte sie mit dem Familienhund durch Wälder und Wiesen. „Alle anderen hörten nach der Schule mit dem Rennen auf, aber ich nie“, sollte sie später sagen. Früh interessiert sie sich ebenso für Naturwissenschaften wie für Kunst und Philosophie. Ihr Vater Thomas Gibb, Professor für Chemie an der Tufts University, erzieht sie in einem „unglaublich intellektuellen Haushalt“ zu freiem Denken. Schon 1960 besucht Bobbi am Tufts College Spezialkurse in Mathematik und Biologie und parallel abends die Kunstakademie Museum of Fine Arts. In dieser Zeit lernt sie den Studentensportler William Bingay kennen, der sie in die Welt des Langstreckenlaufs einführt. Anfangs ist Bobbi skeptisch, ob sie „überhaupt fünf Meilen laufen“ könne, doch bald begleitet sie ihren Freund auf täglichen Trainingsläufen und steigert unbemerkt ihre Ausdauer. Fortan legt sie weite Strecken nur noch zu Fuß zurück – so joggt sie etwa täglich acht Meilen zur Uni und zurück.
Am Patriots’ Day 1964 steht Gibb erstmals als Zuschauerin beim Boston-Marathon am Streckenrand – und ist fasziniert. „Ich fühlte eine Verwandtschaft mit diesen Läufern und wollte Teil davon sein“, erinnert sie sich. Die Männer erschienen ihr wie „exotische Tiere“ und der Marathon wie eine „schöne Feier des Lebens“. Noch ahnt sie nicht, dass Frauen offiziell ausgeschlossen sind. Inspiriert von diesem Erlebnis setzt sie sich ein ehrgeiziges Ziel: Sie will selbst den Boston-Marathon laufen. In den nächsten zwei Jahren trainiert Bobbi Gibb heimlich und stetig. Sie absolviert nahezu täglich Läufe von zehn bis fünfzehn Kilometern und unternimmt am Wochenende immer längere „Trainings-Marathons“ auf Trails, Stränden und in den Bergen Kaliforniens. Sogar an einem 100-Meilen-Pferderennen in Vermont läuft sie 40 Meilen mit, um ihre Grenzen auszutesten. 1965 verhindert eine Knöchelverletzung ihren ersten Marathon-Versuch – doch 1966 fühlt sie sich bereit. „Ich konnte 30 Meilen am Stück laufen!“, erklärt sie selbstbewusst. Die Bewerbung an die B.A.A. ist da nur Formsache, glaubt Gibb – bis der Ablehnungsbrief eintrifft.
Gibb ist empört, doch keineswegs entmutigt. Im Gegenteil: Die offizielle Absage bestärkt sie in ihrem Vorhaben. „Wenn man uns nie die Chance gibt, es zu zeigen, wie sollen wir dann beweisen, was wir können?“, fragt sie sich. Sie ist fest entschlossen, das Marathon-Tabu für Frauen zu brechen – notfalls ohne Erlaubnis. Als ihr Ehemann (den sie im Februar 1966 in San Diego geheiratet hat) Einwände gegen die verrückte Idee erhebt, packt Bobbi kurzerhand ihre Siebensachen und fährt mit seinem Motorroller zum Greyhound-Busbahnhof. Ihr ganzes Reisebudget beträgt 50 Dollar – genug für ein Busticket Richtung Boston. Mitten in der Nacht kauft sie unterwegs noch schnell ein Paar günstige Jungs-Laufschuhe (Damenmodelle für Marathon gibt es schlicht nicht). Nach dreieinhalb Tagen und 4.000 Kilometern Busfahrt klettert die völlig steife junge Frau am 18. April 1966 in Boston aus dem Greyhound-Bus. Am Tag vor dem Marathon empfängt sie ihre verblüfften Eltern in Winchester. Bobbis Vater – ein fortschrittlich denkender Akademiker – reagiert überraschend schroff: Er hält die Marathon-Pläne seiner Tochter für gefährlichen Wahnsinn und verbietet ihr streng, an den Start zu gehen. Beim Abendessen – Bobbi isst zum Entsetzen ihres Magens eine riesige Portion Roastbeef mit Kartoffeln und Apfelkuchen – hängen schwere Vorahnungen im Raum. Doch Bobbi lässt sich nicht umstimmen: „Ich laufe. Notfalls nehme ich mir ein Taxi nach Hopkinton!“ Schließlich vermittelt Bobbis Mutter zwischen den Fronten. Am Morgen des 19. April 1966 setzt sie ihre Tochter ins Auto und fährt sie heimlich zum Startort Hopkinton – unter der Bedingung, dass Bobbi den Weg weist und vorsichtig ist.
Gegen Mittag versammeln sich in Hopkinton 540 offiziell gemeldete Läufer hinter dem Startseil. Frauen sucht man vergeblich – die Teilnahmebedingungen der Amateur Athletic Union (AAU) schließen sie aus. Einige wenige männliche „Banditen“ (Nichtregistrierte) stehen traditionell geduldet außerhalb des Startbereichs, um sich nach dem Startschuss einzureihen. Bobbi Gibb mischt sich in diesem Jahr unter diese inoffiziellen Nachzügler – mit klopfendem Herzen. Sie trägt ihren blauen Kapuzenpullover, um die blonde Pferdeschwanz-Frisur zu verstecken, dazu weite Bermuda-Shorts ihres Bruders über einem schwarzen Badeanzug als Top. Ihre neuen Schuhe hat sie nicht eingelaufen, und in der Eile hat sie sogar ihre Startnummern-Anfrage – den Ablehnungsbrief – im Hotel vergessen, den sie im Falle einer Kontrolle als „Beweis“ vorzeigen wollte. Kurz vor 12 Uhr mittags drückt sie sich in Hopkinton Common in ein blühendes Forsythiengebüsch und kauert sich dort zusammen. Würde man sie verhaften, wenn man sie entdecke? Diese Angst geht ihr durch den Kopf. Punkt 12:00 Uhr am Patriots’ Day 1966 fällt der Startschuss – und Bobbi Gibb hält den Atem an.
Sie lässt die Schnellsten passieren, dann springt sie aus dem Gebüsch und reiht sich mitten im Läuferfeld ein. Anfangs wagt es niemand so recht, sie anzusprechen. Nach einigen hundert Metern jedoch tuscheln ein paar Läufer hinter vorgehaltener Hand: „Hey, ist das da vorn ein Mädchen?“ – „Quatsch, ein Mädchen kann doch keinen Marathon laufen…“ Bobbi dreht sich um und lächelt unsicher. „Es ist ein Mädchen!“ ruft einer erstaunt. „Wie cool – ich wünschte, meine Freundin würde auch mitlaufen!“ Schlagartig taut die Stimmung auf, und mehrere Marathonis suchen das Gespräch mit ihr. „Wie heißt du? Wo kommst du her? Willst du wirklich die ganze Strecke laufen?“ – Bobbi nickt und lacht, und ihre Mitstreiter reagieren begeistert. Ein Läufer namens Alton Chamberlain übernimmt eine Art Beschützerrolle. Als Bobbi in der Frühlingssonne heiß wird und sie überlegt, die verräterische Kapuzenjacke auszuziehen, ermutigen sie die Männer: „Nur zu – die Straße ist frei! Wir lassen nicht zu, dass dich jemand stoppt.“ Gibb wirft die Sweatshirt-Jacke weg und läuft nun offen erkennbar als Frau im Feld. Wer sie sieht, traut zunächst seinen Augen nicht. Ein irritierter Mitläufer berichtet später: „Ich lief vor mich hin und summte ‘The Girl from Ipanema’, als plötzlich dieses Mädchen an mir vorbeizog. Ich dachte, ich halluziniere!“ Doch Bobbi ist sehr real – und wird von Meile zu Meile selbstbewusster.
Nach etwa acht Kilometern hat sich Gibb in einen flüssigen, schnellen Laufrhythmus gefunden und liegt auf einem Kurs von knapp unter drei Stunden. Die Kunde von der geheimnisvollen Frau im Feld verbreitet sich unterdessen entlang der Strecke wie ein Lauffeuer. Überraschte Reporter auf dem Presse-LKW informieren per Telefon und Radio die Welt: Eine Frau läuft den Boston-Marathon mit! Viele Zuschauer können es kaum glauben – und stürmen spontan an die Strecke, um dieses Spektakel zu sehen.
Vor dem Frauencollege Wellesley (bei Halbmarathon km 21) spielt sich Historisches ab: Die Studentinnen dort sind für ihr frenetisches Anfeuern der Läufer bekannt, doch als sich herumspricht, dass eine Frau im Teilnehmerfeld ist, wächst die übliche „Scream Tunnel“-Anfeuerung zu ohrenbetäubendem Jubel an. „Ich konnte sie schon von weitem schreien hören“, erinnert sich Gibb. Die jungen Frauen rennen vor Aufregung auf die Straße und bilden mit erhobenen Armen einen Spalier-Tunnel, durch den Bobbi hindurchläuft – sie muss sich ducken, so eng und stürmisch ist die Begrüßung. Diana Chapman Walsh, damals Wellesley-Studentin (und später Präsidentin des Colleges), schildert die Szene so: „Eine elektrische Welle lief durch die Menge, als wir erkannten, dass da wirklich eine Läuferin kam. Wir jubelten, wie wir noch nie zuvor gejubelt hatten. Wir spürten, dass diese Frau mehr getan hatte, als nur eine Geschlechterbarriere in einem berühmten Rennen zu durchbrechen.“ Diese euphorische „Schrei-Tunnel“-Szene wird zur Legende – sie zeigt, welche symbolische Wirkung Gibbs Lauf bereits während des Rennens auf andere Frauen hat.
Auch viele der männlichen Teilnehmer sind beeindruckt. Manche liefern sich aus Ehrgeiz kurzfristig kleine Duelle („Keine Frau läuft mir davon!“, denkt sich etwa ein 19-jähriger Navy-Läufer, der Mühe hat, an Bobbi dranzubleiben), doch überwiegend schlägt Gibb unterwegs Unterstützung und Staunen entgegen. Ein Polizist, der den Verkehr regelt, ruft ihr an einer Kreuzung zu: „Da vorne ist ein Läufer, den holen Sie noch ein!“ Einige Zuschauer feuern sie an: „Nur weiter so, Mädel, du schaffst es!“ Bobbi selbst blendet das Medienspektakel um ihre Person größtenteils aus. Für sie ist das Laufen in diesem Moment fast meditativ: „Ich war die ganze Strecke über gar nicht müde“, wird sie später sagen.
Allerdings bleibt auch Gibb nicht von Problemen verschont. Ab Kilometer 32 (Heartbreak Hill in Newton) machen sich schmerzende Blasen an den ungewohnten neuen Schuhen bemerkbar. Zudem hat sie weder unterwegs getrunken noch etwas gegessen – man hatte ihr fälschlich eingeredet, Trinken verursache Seitenstechen. Auf den letzten Meilen spürt sie massiven Durst und Energielosigkeit, ihre Oberschenkel verkrampfen vom Kampf gegen die Hügel und den harten Asphalt – Gibb hatte fast nur auf Waldwegen trainiert. „Mit zwei Meilen bis zum Ziel war ich nur noch auf Zehenspitzen unterwegs“, so Gibb. Sie habe sich verzweifelt eingeredet: Ich muss es ins Ziel schaffen, sonst werde ich 20 Jahre zurückwerfen. Dann sagen sie: Seht ihr, Frauen können es doch nicht!
Tatsächlich droht Bobbi bei Kilometer 40 mental einzubrechen: In der Einöde vor Boston fragt sie einen Streckenposten erschöpft: „Wie weit noch bis zum Ziel?“ Doch der winkt nur ungeduldig: „Immer geradeaus weiter!“ – Bobbi weiß nicht, dass nur noch gut ein Kilometer vor ihr liegt. Sie verlangsamt frustriert. In diesem Moment erkennt ein neben ihr laufender Marineoffizier, Charles Stalzer, die Lage: Gibb scheint nicht zu wissen, wie nah sie dem Ziel ist. „Sie muss deprimiert gewesen sein, weil sie keine Zuschauer sieht – als würde es endlos so weitergehen“, vermutet Stalzer. Also fasst er sich ein Herz und spricht sie an, um sie abzulenken und ins Ziel zu ziehen. Gemeinsam legen sie die letzten eineinhalb Meilen zurück.
Dann ist es endlich so weit: Nach rund drei Stunden und zwanzig Minuten Laufzeit biegt Bobbi Gibb auf die Boylston Street ein, Bostons breite Zielgerade. Plötzlich öffnen sich Häuserschluchten zu jubelnden Tribünen. „Tausende Menschen säumen die Straße, die Zuschauertribünen sind voll, ein Brausen brandet auf“, beschreibt Gibb den Gänsehaut-Moment der Zielankunft. Die Reporter auf dem Pressewagen sind längst an ihrer Seite und unzählige Kamerablitze gehen los. Bobbi rafft ihre letzten Kräfte und erreicht im leichten Sprint das Zielband am Prudential Center.
Mit einer inoffiziellen Zeit von 3 Stunden, 21 Minuten und 40 Sekunden läuft Roberta „Bobbi“ Gibb als erste Frau in der Geschichte des Boston-Marathons über die Ziellinie. Sie platziert sich damit auf Rang 126 von 415 Startern – weit vor etwa zwei Dritteln der angetretenen Männer. Kaum im Ziel, wird sie vom Gouverneur von Massachusetts empfangen: John A. Volpe persönlich schüttelt ihr strahlend die Hand und gratuliert ihr zu diesem Coup. Helfer legen ihr eine Wolldecke über die Schultern, die vorbehaltlos anerkennenden männlichen Mitläufer klopfen ihr auf den Rücken. Bobbi Gibb hat es geschafft – sie hat einen Marathon bestritten und beendet. Damit widerlegt sie an diesem Tag eindrucksvoll die These, Frauen seien „zu gebrechlich“ für Langstrecken.
Tatsächlich zeigen sich bereits im Ziel erste Zeichen eines Umdenkens. Der Präsident der B.A.A., Will Cloney – ausgerechnet der Verfasser des Absagebriefs – tritt unmittelbar nach dem Rennen vor die Presse und lobt Gibbs Leistung öffentlich, wenn auch ohne sie als offizielle Teilnehmerin zu werten. Die Amateur Athletic Union (AAU) lässt durchsickern, dass man eine Regeländerung erwäge, um Frauenmarathons künftig zuzulassen. In Bobbis Heimatort wird sie wie eine Heldin empfangen: Vor dem Haus ihrer Eltern stehen Reporter Schlange, um die „Marathonfrau“ zu interviewen. Am nächsten Tag, dem 20. April 1966, druckt der Boston Record-American ihr Foto auf Seite 1 mit der Schlagzeile: „Stadtbraut ist erstes Mädchen, das Marathon läuft“ („Hub Bride First Gal to Run Marathon“ – Bobbi war zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet). Auch Zeitungen in Europa und Asien berichten über Gibb. Viele Medien würdigen sie allerdings in einem betont „femininen“ Tonfall – man hebt ihr hübsches Äußeres und ihre Rolle als Hausfrau hervor. Sports Illustrated nennt sie gar augenzwinkernd ein „schmuckes Blondchen, das aus dem Busch auftauchte und den Männern die Show stahl“.
Trotz solcher herablassenden Untertöne erreicht Gibbs Botschaft ihr Zielpublikum: Frauen rund um die Welt. Sie bekommt in den folgenden Wochen zahlreiche Briefe und Anrufe von begeisterten Frauen, die sie inspiriert hat, selbst die Laufschuhe zu schnüren. „Sie sagten: Ich bin gerade zum ersten Mal um den Block gelaufen, ich bin so stolz auf mich“, erinnert sich Gibb. „Für viele war der Weg, von Punkt A nach B zu laufen, der erste Schritt zu einem neuen Selbstgefühl.“ Bobbi wird sogar in eine populäre TV-Quizshow („To Tell the Truth“) eingeladen, in der ein Rateteam sie unter drei Kandidatinnen als „erste Marathonläuferin“ identifizieren muss – sie gewinnt 65 Dollar, die sie für wohltätige Zwecke spendet.
Obwohl es 1966 noch keinen offiziellen Frauenwettbewerb gibt, ist Bobbi Gibb de facto Siegerin des Boston-Marathons 1966 in der Damenwertung. Und sie bleibt nicht die einzige: In den beiden Folgejahren 1967 und 1968 läuft Gibb erneut inoffiziell in Boston mit und ist jeweils schnellste Frau im Feld. 1967 zum Beispiel, als wiederum kein Frauenstart erlaubt ist, tauchen außer Gibb noch zwei weitere Läuferinnen ohne Startnummer im Marathon auf. Eine davon – Kathrine Switzer – erschleicht sich mit Tarninitialen offiziell eine Startnummer und wird infolgedessen vom Rennleiter Jock Semple auf der Strecke wutentbrannt attackiert (ein Begleitfoto, wie Semple versucht, ihr die Nummer herunterzureißen, geht um die Welt). Bobbi Gibb dagegen läuft 1967 und 1968 unbehelligt ins Ziel – sie verzichtet weiterhin auf eine offizielle Anmeldung und ist so schnell unterwegs, dass sie 1967 rund eine Stunde vor der nächsten Frau (Switzer) ankommt.
Allmählich werden es jedes Jahr mehr Pionierläuferinnen, die sich in Boston an den Start schmuggeln. Der Druck auf die Verbände wächst, das offizielle Verbot fallen zu lassen. Schließlich gibt die AAU dem Engagement von Athletinnen wie Nina Kuscsik nach: Ab 1972 sind Frauen offiziell startberechtigt. Beim Boston-Marathon 1972 stehen sieben Frauen legal an der Startlinie, Siegerin Kuscsik läuft 3:10:26 Stunden. Der Bann ist gebrochen – sechs Jahre nachdem Bobbi Gibb zum ersten Mal heimlich aus dem Hopkintoner Gebüsch sprang.
Doch die bemerkenswerte Geschichte von Bobbi Gibb gerät zunächst für lange Zeit fast in Vergessenheit. In den 1970ern dominiert Kathrine Switzer, dank ihres PR-wirksamen Eklats von 1967, die öffentliche Erinnerung als „erste Marathonläuferin“. Switzer startet eine erfolgreiche Karriere als Buchautorin, Kommentatorin und Galionsfigur des Frauenlaufsports – während Bobbi Gibb abseits der Medien ihren eigenen Weg geht. Erst 1979, als Gibb mit ihrer Familie eine Marathon-Übertragung im Fernsehen sieht, muss sie feststellen, dass die Reporter einseitig Switzers Geschichte erzählen. „Gleich bringen wir einen Beitrag über die erste Frau im Boston-Marathon“, kündigt der TV-Moderator an – und zeigt dann lediglich Switzers ’67er Lauf und den Angriff von Jock Semple. Bobbi ist fassungslos.
In den folgenden Jahren beginnt sie, gegen diese Geschichtsverzerrung anzukämpfen. Sie schreibt Dutzende Briefe an Fernsehsender, Magazine und Buchverlage, um richtigzustellen, dass sie bereits 1966 die erste Frau im Marathon war. Oft stößt sie dabei auf taube Ohren. Sogar das feministische Magazin Ms. druckt in den frühen 1980ern einen fehlerhaften Artikel, der Switzer als erste Marathonläuferin bezeichnet. Erst nach Bobbis Beschwerde gibt die Autorin zu, man habe sie gebeten, Gibbs Leistung in ihrem Text bewusst zu unterschlagen. Allmählich jedoch wendet sich das Blatt zu Bobbis Gunsten. Immer mehr Laufhistoriker und Journalisten erwähnen ihren Pionierlauf, und ihre „gestohlene“ Legacy wird rehabilitiert.
Spätestens 1996 erhält Bobbi Gibb den ihr gebührenden offiziellen Platz in der Marathon-Geschichte. Zum 100. Jubiläum des Boston-Marathons – und genau 30 Jahre nach ihrem ersten Lauf – lädt die B.A.A. die mittlerweile 53-Jährige als Ehrengast ein. In einer feierlichen Zeremonie wird Gibb endlich als erste Boston-Marathon-Siegerin der Jahre 1966, 1967 und 1968 anerkannt. Sie erhält nachträglich die Finisher-Medaillen, und ihr Name wird auf der Ehrentafel der Boston-Marathon-Champions am Copley Square verewigt. Bei der anschließenden Jubiläums-Parade durch die Stadt winkt Bobbi – sichtlich gerührt – von einem Festwagen aus den Zuschauern zu. B.A.A.-Präsidentin Joann Flaminio würdigt in einem Statement die Bedeutung von Gibbs Coup: „Bobbi Gibbs Lauf ebnete nicht nur den Frauen den Weg in den Marathon, er beweist auch, dass Mut und Entschlossenheit Veränderungen bewirken können.“
In den Jahren 1996 und 2001 läuft Bobbi Gibb sogar selbst noch einmal beim Boston-Marathon mit, jeweils im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zu ihrem 30. bzw. 35. Jahrestag. Zu ihrem 50. Jubiläum 2016 bekommt sie die Ehre, als Grand Marshal den Marathon anzuführen: In einem historischen Auto fährt sie lächelnd kurz vor dem Elitefeld über die Strecke, während 14.000 Frauen hinter ihr laufend das Erbe antreten. Gibb selbst überschreitet 2016 im Rahmenprogramm symbolisch noch einmal die Ziellinie – 50 Jahre nach ihrem historischen Finish.
Den krönenden Abschluss von Bobbi Gibbs langer Reise bildet eine Zeremonie im Oktober 2021: Vor dem Kunstzentrum in Hopkinton, unweit der Marathon-Startlinie, wird eine lebensgroße Bronze-Skulptur enthüllt – das erste Denkmal für eine Frau entlang der Boston-Marathon-Strecke. Es zeigt Bobbi Gibb im Endspurt des Rennens von 1966, mit entschlossenem Blick, wehenden Haaren, in Badeanzug-Oberteil, Bermuda-Shorts und ihren alten Laufschuhen. Geschaffen wurde die Statue passenderweise von Bobbi Gibb selbst, die auch als Bildhauerin tätig ist. „The Girl Who Ran“ (Das Mädchen, das lief) lautet der treffende Titel des Kunstwerks. Heute, sechs Jahrzehnte nach ihrem heimlichen Marathonlauf, steht Bobbi Gibb im wahrsten Sinne des Wortes in Bronze gegossen an der Strecke – als Inspiration für die zehntausenden Läuferinnen, die jedes Jahr in Boston an den Start gehen und an ihr vorbeilaufen.
Teil 2: Bobbi Gibb – Leben und Vermächtnis der ersten Marathonläuferin
Bobbi Gibb wurde am 2. November 1942 in Cambridge, Massachusetts, geboren. Aufgewachsen ist sie im Vorort Winchester als älteste von fünf Schwestern, in einer Familie, die Wert auf Bildung und Neugier legte. Ihr Vater, Prof. Thomas Gibb, lehrte Chemie an der Tufts University; die Mutter war sozial und politisch engagiert. So wurde Bobbi schon früh ermutigt, eigene Interessen zu verfolgen – auch wenn diese jenseits der damals typischen Frauenrolle lagen. Sie liebte sowohl die Naturwissenschaften (sie bastelte als Teenager an Radios und interessierte sich für Biologie) als auch die Kunst (sie malte, zeichnete und musizierte). Und vor allem liebte sie das Laufen. „Sobald ich laufen konnte, rannte ich los“, erzählte sie über ihre Kindheit. Unermüdlich erkundet sie rennend die Wälder und Felder der Umgebung, begleitet von den Hunden der Nachbarschaft. In der Schule spielt sie zwar auch im Hockey-Team, doch den formalen Wettkampfsport findet sie weniger reizvoll – Bobbi läuft lieber „einfach nur so, um die Freude an der Bewegung zu spüren und die Schönheit der Natur aufzusaugen“. Dieses freie, ausdauernde Laufen verschafft ihr nach eigener Aussage ein Gefühl von Frieden, Ganzheit und Freiheit. Später wird sie es gar als spirituelle Erfahrung beschreiben – als ein Einssein von Körper, Geist und Natur, das sie an archaische Zeiten erinnert, als Frauen noch als „Göttinnen durch die Wälder liefen“.
Nach der High School bricht Gibb zunächst aus traditionellen Bahnen aus. 1960 immatrikuliert sie sich nicht regulär am College, sondern besucht tagsüber die Tufts School of Special Studies, wo sie intensiven Unterricht in Mathematik, Physik und Chemie erhält. Abends nimmt sie zusätzlich Kurse an der School of the Museum of Fine Arts in Boston, um ihre künstlerischen Fähigkeiten auszubauen. In dieser Zeit beginnt auch ihre Liebesgeschichte mit dem Laufen auf längeren Distanzen: Ihr Freund William („Will“) Bingay, ein Crosslauf-Athlet an Tufts, motiviert sie, ihn auf Trainingsläufen zu begleiten. Schritt für Schritt steigert sich Bobbi vom anfänglichen Erschöpfungsgefühl zu echter Ausdauer. Bald schon läuft sie regelmäßig zweistellige Kilometerdistanzen – an manchen Tagen summieren sich ihre Wege (z. B. der Lauf zur Uni und zurück) auf 25 Kilometer.
Im September 1964 zieht Bobbi in einem klapprigen VW-Bus quer durch die USA nach Kalifornien. Diese mehrwöchige Reise unternimmt sie alleine mit ihrem Hund Moot, sie campiert unter freiem Himmel und joggt an den Abenden in immer neuen Landschaften – durch Prärien, über die Rockies bis hin zum Pazifik. Dieses Abenteuer bestärkt sie nur noch in ihrem Gefühl, als Läuferin grenzenlos frei zu sein.
In San Diego findet Gibb Anfang 1965 eine neue Heimat. Sie jobbt zunächst als Programmiererin und setzt ihr Studium fort, indem sie an der University of California, San Diego (UCSD) wissenschaftliche Kurse belegt. Ihr Ziel ist es nun, Ärztin zu werden – ein damals für Frauen äußerst steiniger Karriereweg. Bevor sie diesen Traum angeht, verwirklicht Bobbi aber zunächst ihren großen sportlichen Plan: die Teilnahme am Boston-Marathon. 1966, nach zwei Jahren täglicher Laufpraxis und mehreren „Trainings-Marathonläufen“, fühlt sie sich bereit – nur um von der B.A.A. brüsk zurückgewiesen zu werden. Der Rest ist Geschichte: Ihr heimlicher Lauf 1966 macht Bobbi Gibb schlagartig berühmt. Doch anstatt daraus öffentlichen Ruhm zu schlagen, zieht sie sich nach diesem Pionierakt weitgehend ins Private zurück. „Ich habe das nicht gemacht, um berühmt zu werden, ich wollte die Welt ändern“, betont sie später. Und tatsächlich konzentriert sie sich in den folgenden Jahren vor allem auf ihre Ausbildung und vielfältige Interessen – getreu ihrem Wesen als wissbegieriger „Renaissance-Mensch“, als den Freunde sie beschreiben.
1967 trennt sich Gibb von ihrem ersten Mann Will Bingay (die kurze Ehe wird später annulliert). Sie kehrt der Westküste dennoch nicht ganz den Rücken: 1969 schließt Bobbi Gibb an der UC San Diego ihren Bachelor of Science ab. Ein Medizinstudium bleibt ihr jedoch verwehrt – in den späten 60ern nehmen viele US-Hochschulen nur eine Handvoll Frauen in ihre Medizinprogramme auf. Bei einem Aufnahmegespräch wird Bobbi unverblümt mitgeteilt, sie sei „zu attraktiv“ und würde die männlichen Kommilitonen im Labor nur „vom Wesentlichen ablenken“. Verbittert über solche offen zur Schau getragene Diskriminierung beschließt Gibb, einen anderen Weg in die Wissenschaft zu finden.
Sie heiratet Anfang der 1970er erneut (ihren Lebenspartner und späteren Vater ihres Sohnes, der 1975 geboren wird) und zieht zurück in den Raum Boston. Dort erhält sie die Chance, als Forschungsassistentin in einem Neurowissenschaften-Labor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu arbeiten. Über Jahre forscht sie am renommierten MIT unter der Leitung des Kognitionsforschers Jerome Lettvin zu Fragen der visuellen Wahrnehmung – insbesondere Farbwahrnehmung und Erkenntnistheorie (Epistemologie). Parallel dazu wagt Bobbi noch ein ambitioniertes Projekt: Sie schreibt sich an der Abendschule für Jus ein, der New England School of Law in Boston. 1978 macht sie dort ihren Abschluss als Juris Doctor (J.D.) – eine der wenigen Marathon-Pionierinnen, die auch in der Rechtswissenschaft Pionierarbeit leisten.
In den 1980er-Jahren schlägt Gibb ein neues Kapitel als Anwältin auf. Sie praktiziert fast 17 Jahre lang als Rechtsanwältin in Massachusetts, vor allem im Bereich Patentrecht und Beratung von Technologiefirmen. Berufstätig und als Mutter eines kleinen Kindes hat Bobbi zunächst kaum Zeit für offizielle Wettkämpfe. Doch dem Boston-Marathon bleibt sie emotional verbunden: 1983 läuft sie – nach 15 Jahren Abwesenheit – erstmals wieder offiziell im Teilnehmerfeld mit. Mit Ende 30 ist sie zwar langsamer als in ihren Zwanzigern, aber der Lauf mit tausenden anderen Frauen, die inzwischen selbstverständlich teilnehmen, erfüllt sie mit Stolz.
1996, beim historischen Hundertjährigen Marathon, geht Gibb erneut an den Start (inoffiziell als Teil einer Jubiläumsstaffel) und erreicht mit 53 Jahren in gut sechs Stunden das Ziel. 2001 absolviert sie den Boston-Marathon ein letztes Mal: Gemeinsam mit einem Team läuft sie für einen guten Zweck – in Gedenken an eine Freundin mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) und zur Unterstützung der ALS-Forschung. Damit schließt sich ein Kreis: Bobbi verbindet mit diesem Lauf ihre sportliche Leidenschaft mit ihrem ungebrochenen Forscherdrang.
Tatsächlich ist Bobbi Gibb bis heute wissenschaftlich aktiv. Nachdem sie Mitte der 1990er-Jahre nach Kalifornien zurückgezogen war, arbeitete sie als Forschungsassoziierte in einem neuromuskulären Laboratorium, wo sie nach Ursachen und Heilungsmethoden für neurodegenerative Krankheiten wie ALS forschte. Daneben widmete sie sich verstärkt der Kunst und dem Schreiben.
1980 veröffentlichte Gibb ihr erstes autobiografisches Büchlein mit dem Titel To Boston with Love, in dem sie ihre Marathon-Erlebnisse schilderte. Später folgte eine ausführliche Memoirensammlung mit dem Titel Wind in the Fire – A Personal Journey, in der sie ihre außergewöhnliche Lebensreise und die innere Leidenschaft reflektierte, die sie stets angetrieben hatte.
Nebenbei machte sich Bobbi auch als Bildhauerin und Malerin einen Namen. Ihr künstlerisches Schaffen war eng mit dem Laufsport verknüpft: Bereits 1984 gestaltete sie die Siegertrophäen – filigrane Bronzefiguren einer ponytailschwingenden Läuferin – für den ersten US-amerikanischen Olympia-Marathon der Frauen. Joan Benoit Samuelson, die legendäre Gewinnerin jenes Laufs und erste Marathon-Olympiasiegerin 1984 in Los Angeles, schätzte Gibbs Skulptur so sehr, dass sie diese als einzige Sporttrophäe in ihrem Haus ausstellte.
Bobbi Gibb hat sich also nicht nur als Athletin, sondern auch als Künstlerin in die Geschichte des Frauenlaufs eingebracht. Ihr bedeutendstes Kunstprojekt – die Marathon-Statue The Girl Who Ran – enthüllte sie 2021 nach dreijähriger Arbeit. Es ist ein bleibendes Monument ihrer eigenen Leistung und der aller Läuferinnen, die ihr folgten.
Heute lebt Bobbi Gibb abwechselnd in Kalifornien und Massachusetts. Sie ist weit über 80 Jahre alt, doch Freunde beschreiben sie als weiterhin bemerkenswert fit, geistig rege und voller Tatendrang. Täglich geht sie mindestens eine Stunde joggen, um in Bewegung zu bleiben. In Interviews strahlt sie Lebensfreude und Bescheidenheit aus. Ihr Antrieb war nie Ruhm oder Profit, sondern die Überzeugung, das Richtige zu tun – für sich und für andere Frauen.
„Frauen lebten damals in einem kleinen Käfig – und ich konnte so nicht leben“, erklärte sie einmal ihre Motivation. Ihr Marathonlauf 1966 war damit weit mehr als ein sportlicher Coup: Er war ein Akt der Befreiung, ein mutiges Überschreiten gesellschaftlicher Grenzen, der zum Katalysator eines Wandels wurde. Gibb wollte beweisen, dass Frauen alles erreichen können, wenn man sie nur lässt. Genau das hat sie getan: Sie hat einen Mythos widerlegt und Generationen von Frauen inspiriert, ihre eigenen Wege zu gehen. Innerhalb weniger Jahre nach ihrem Lauf öffneten Marathons weltweit ihre Türen für Athletinnen – und 1984 wurde der Marathonlauf endlich ins olympische Frauenprogramm aufgenommen.
Bobbi Gibb selbst erhielt spät, aber doch bedeutsame Ehrungen: 1982 wurde sie in die Hall of Fame des Road Runners Club of America aufgenommen. 2009 folgte der Tufts University Athletic Distinguished Achievement Award für ihre außergewöhnlichen sportlichen und gesellschaftlichen Verdienste. 2011 wurde sie in die Hall of Fame des Sports Museum of New England aufgenommen – NBA-Star Larry Bird gehörte zu den Laudatoren, und Joan Benoit Samuelson überreichte ihr persönlich die Auszeichnung.
Beim Boston-Marathon 2013 fungierte Gibb zusammen mit der frühen Siegerin Sara Mae Berman als Ehren-Starterin (Grand Marshal). 2016, zum 50. Jubiläum ihres historischen Laufs, wurde sie erneut als Grand Marshal geehrt. Als im Oktober 2021 ihre eigene Bronzestatue in Hopkinton enthüllt wurde, konnte Bobbi Gibb endgültig auf ein bedeutsames Lebenswerk zurückblicken: Von der einst verfemten „Banditin“ wurde sie zur gefeierten Legende und Wegbereiterin.
Doch Gibb denkt nicht daran, sich auf dem Erreichten auszuruhen. In Interviews betont sie, dass es ihr nie nur ums Laufen ging, sondern um soziales Bewusstsein und Selbstbestimmung. Sie sieht die Entwicklung des Frauenlaufsports als Teil einer größeren Bewegung für Gleichberechtigung. „Wenn dieser eine Glaubenssatz über Frauen als falsch entlarvt wurde – wie viele andere Vorurteile lassen sich dann noch überwinden?“, fragte sie bereits 1967. Diese Frage treibt sie bis heute um.
Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit engagiert sich Gibb als Rednerin und Mentorin für Projekte, die Frauen in Sport und Wissenschaft fördern. Sie initiierte etwa eine Spendenkampagne zur Finanzierung ihrer Marathon-Statue, bei der viele Männer und Frauen gemeinsam den historischen Beitrag der „Frauen der Vor-Pionierära 1966–1971“ würdigten. Bobbi Gibb sieht sich selbst als Teil einer Kette: Sie folgte Vorläuferinnen wie Merry Lepper (erste US-Amerikanerin mit Marathon-Ziel 1963) und Julia Chase (erste Frau in einem US-Straßenlauf 1961). Ihr eigener Mut wiederum ebnete den Weg für Heldinnen wie Kathrine Switzer, Nina Kuscsik oder Joan Benoit.
„Ich kam mir vor, als hacke ich mich durch einen Dschungel ohne Pfad“, beschrieb Gibb später ihren Lauf 1966. „Frauen wie Joan [Benoit] hatten dann wenigstens schon einen Weg, dem sie folgen konnten. Und die Frauen von heute? Die laufen auf einer Autobahn!“ Beim Boston-Marathon 2023 machten Frauen fast die Hälfte des Starterfeldes aus – eine Entwicklung, die ohne Bobbi Gibbs bahnbrechenden Lauf nicht denkbar gewesen wäre.
Am Ende eines Interviews 2023, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, wurde Bobbi Gibb gefragt, was ihr wichtigstes Lebensmotto sei. Ihre Antwort:
„Es muss aus Liebe kommen. Nicht aus Hass, nicht aus Angst. Wenn du dich von Liebe leiten lässt, spürst du diese Freude am Leben, dieses Staunen darüber: Wow, wir leben auf diesem Planeten Erde – ist das nicht wunderbar? Lasst es uns feiern.“
Quellen:
- Sports Illustrated – „A Game Girl in a Man’s Game“, 2. Mai 1966
https://vault.si.com/vault/1966/05/02/a-game-girl-in-a-mans-game - Boston Athletic Association – History: Women Run to the Front
https://www.baa.org/races/boston-marathon/history/women-run-front - The Sports Museum of New England – Richard Johnson: „Bobbi Gibb Marathon Pioneer“, 2021
https://sportsmuseum.org/bobbi-gibb-marathon-pioneer - Tufts University – „The First in the Race: Bobbi Gibb“, 11. April 2016
https://now.tufts.edu/2016/04/11/first-race - Runner’s World – „First Lady of Boston“, Reportage von Peter Sagal, 2014
https://www.runnersworld.com/runners-stories/a20852910/first-lady-of-boston - ESPN / Competitor – „How Bobbi Gibb Changed Women’s Running“, 6. Januar 2016
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https://www.wbur.org/news/2016/04/18/bobbi-gibb-marathon-anniversary - Boston.com / Boston Globe – „This Is How Far Women Have Come“, 18. April 2016
https://www.boston.com/news/local-news/2016/04/18/this-is-how-far-women-have-come-since-one-first-ran-the-boston-marathon-50-years-ago - Sports Museum – „Bobbi Gibb Marathon Pioneer“ (mit Originalbrief), 2021
https://sportsmuseum.org/bobbi-gibb-marathon-pioneer

