Wie ein vorsokratischer Denker zweieinhalb Jahrtausende vor Tesla die geistige Struktur des Kosmos erkannte
Ein historisch-interessanter Bericht – von Andreas Manousos
Um 500 v. Chr., in einem Athen, das von Götterglauben, Orakeln und kultischer Verehrung durchdrungen war, trat ein Mann aus Kleinasien hervor, der die geistige Weltordnung grundlegend in Frage stellte: Anaxagoras von Klazomenai. Er war der Erste, der aussprach, was bis dahin undenkbar war: Der Mond ist kein Gott, sondern ein Felsenkörper, der das Licht der Sonne reflektiert. Mit dieser These entzog er der antiken Himmelsreligion ihr spirituelles Fundament.
Für die damalige Zeit war diese Behauptung ein unerhörter Tabubruch. Himmelskörper galten als Manifestationen der Götter, als göttliche Wesen selbst. Wer sie auf physikalische Objekte reduzierte, stellte nicht nur religiöse Deutungen, sondern auch die politische und soziale Ordnung der attischen Polis in Frage. Anaxagoras wurde daraufhin wegen Asebie, der Gottlosigkeit, angeklagt – ein Vergehen, das in Athen mit dem Tod geahndet werden konnte.
Nur durch das beherzte Eingreifen seines engen Freundes und politischen Verbündeten Perikles, einem der bedeutendsten Staatsmänner Athens, konnte die drohende Hinrichtung abgewendet werden. Doch der Preis war hoch: Anaxagoras wurde aus Athen verbannt.
Er fand Zuflucht in der kleinasiatischen Stadt Lampsakos, wo er seine Forschungen unbehelligt fortsetzen konnte. Dort entwickelte er sein zentrales Konzept: den Nous (altgriechisch νοῦς). Dieser „Nous“ war nicht etwa ein göttliches Wesen, sondern eine reine, denkende, ordnende Kraft. Er war das erste philosophisch beschriebene intelligente Prinzip, das unabhängig von Materie wirkte.
Laut Anaxagoras besteht alles Sichtbare aus unendlich kleinen Teilchen, den sogenannten Spermata. Diese Teilchen existierten schon immer, aber sie waren chaotisch vermischt – bis der Nous eingriff. Der Nous bewirkt Trennung, Bewegung, Formgebung – er ist das strukturierende Prinzip, das aus dem Urchaos eine geordnete Welt macht.
Anaxagoras erkannte: Die Welt ist nicht das Werk launischer Gottheiten, sondern das Produkt einer gesetzmäßigen, geistigen Ordnung. Das war nicht nur neu, sondern revolutionär. Er entzog den Göttern den Himmel.
Doch seine Werke sind verloren – und dennoch wissen wir von ihm. Warum? Weil sein Denken durch andere überliefert wurde. In der antiken Philosophiegeschichte nahm er einen so zentralen Platz ein, dass spätere Denker ihn zitierten, kommentierten und kritisierten:
– Aristoteles analysierte seine Lehre ausführlich in Physik und Metaphysik.
– Plutarch, Sextus Empiricus, Simplicius und Johannes Stobaios überlieferten Fragmente.
– Diogenes Laertios widmete ihm ein eigenes Kapitel in Über Leben und Meinungen berühmter Philosophen.
Diese Quellen bildeten ein doxographisches Archiv, durch das die Ideen des Anaxagoras erhalten blieben – ein intellektuelles Langzeitgedächtnis, das bis in unsere Gegenwart reicht.
Anaxagoras war der erste Philosoph, der die Welt nicht durch Mythen, sondern durch Verstand und Beobachtung erklären wollte. Sein Nous war im Grunde das, was wir heute als universelle Strukturlogik bezeichnen würden: Ein Prinzip, das Differenzierung, Bewegung und Kausalität ermöglicht.
Dieser Gedanke kehrte fast zweieinhalb Jahrtausende später wieder – bei einem Mann, der nicht als Philosoph, sondern als Erfinder und Visionär bekannt wurde: Nikola Tesla. Tesla sprach davon, dass, wer die Bedeutung von 3, 6 und 9 verstehe, den Schlüssel zum Universum in Händen halte. Für ihn bestand das Universum aus Frequenz, Energie und Schwingung – und alles gehorchte einer unsichtbaren, mathematisch präzisen Ordnung.
Was Tesla durch Zahl und Resonanz suchte, hatte Anaxagoras bereits durch den Begriff des Nous beschrieben: Eine alles durchdringende Intelligenz, die nicht greifbar, aber strukturgebend ist. In Teslas Sprache: die dynamische Frequenzstruktur des Seins. In Anaxagoras’ Sprache: der logisch denkende Urgrund.
Dazwischen liegen zwei weitere große Namen der Wissenschaftsgeschichte:
Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei.
– Kopernikus ersetzte das geozentrische Weltbild durch das heliozentrische und entzog damit der Erde ihre Sonderstellung im Universum – ganz wie Anaxagoras dem Mond seine Göttlichkeit nahm.
– Galilei beobachtete mit dem Fernrohr Himmelskörper, erkannte die Monde des Jupiter, die Phasen der Venus, die Struktur des Mondes – und bestätigte damit das kopernikanische System. Doch auch er wurde verfolgt: 1633 von der Inquisition gezwungen zu widerrufen, wurde er zu lebenslangem Hausarrest verurteilt.
Die Parallelen sind eindeutig:
Anaxagoras, Kopernikus, Galilei und Tesla sind Teil einer langen Linie von Denkern, die den Schleier über dem Universum zerrissen – mit dem Preis der Ausgrenzung, der Häresie, der Gefahr. Doch der Preis war geringer als der Gewinn: Die Wahrheit lässt sich nicht dauerhaft verbieten.
Anaxagoras starb um 428 v. Chr. in Lampsakos. Die Menschen dort errichteten ihm zu Ehren einen Altar – nicht für ihn, sondern für den Nous. Es war eine stille, aber philosophisch tiefgründige Geste: eine Weihe an die Ordnung durch Vernunft.
Heute trägt ein Mondkrater seinen Namen: Anaxagoras. Der einst „entgöttlichte“ Himmelskörper trägt nun den Namen jenes Mannes, der ihn als Erster als das erkannte, was er ist: ein Objekt, das das Licht reflektiert – kein göttliches Auge, kein Zeichen der Götter, sondern Teil eines geordneten, denkbaren Universums.
Ein Denkmal aus Stein, geschrieben in Licht – für den ersten, der verstand, dass der Kosmos nicht spricht, sondern denkt.