Willy Wimmer erhält Bautzener Friedenspreis 2019

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Willy Wimmer erhält den Bautzner Friedenspreis 2019.

 

Am 30.01.2019 fand im Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen die Preisverleihung „Bautzner Frieden“ statt. Geehrt wurden dieses Jahr Willy Wimmer und der Verein „Leuchtturm-Majak e.V.“

Willy Wimmer, geboren am 18. Mai 1943, ist ein politisches Urgestein, Jurist und Autor mehrerer Sachbücher.
Willy Wimmer trat 1958 in die CDU ein und errang 1976 erstmals ein Bundestagsmandat. Er war unter anderem als Staatssekretär des Verteidigungsministeriums während der Kanzlerschaft Helmut Kohls tätig. Als Diplomat begleitete er die 2+4 Gespräche zur deutschen Wiedervereinigung. 2009 schied er aus dem Bundestag aus.

Willy Wimmer war von Anfang an ein Kritiker des 1999 begonnenen völkerrechtswidrigen Krieges gegen Jugoslawien. Er setzte stets auf Entspannungspolitik, kritisiert Sanktionen unter anderem gegen Russland. In seinem Buch „Die Akte Moskau“ spricht Wimmer die aggressive Expansionspolitik der NATO an, die mit ihren Militärmanövern vor den Grenzen Russlands eine Atmosphäre der Bedrohung schaffen.

Die Laudatio hielt Wolfgang Effenberger, Politologe und ein langjähriger Freund Willy Wimmers. Beide schrieben zusammen das Buch „Wiederkehr der Hasardeure: Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914 und heute“.

Laudatio Wolfgang Effenberger

 

Laudatio von Wolfgang Effenberger anlässlich der Verleihung des Bautzner Friedenspreises
am 30. Januar 2019 an Willy Wimmer
Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Herr Wimmer,
heute wird Ihnen der „Bautzner Friedenspreis 2019“ verliehen. Gratulation!
Und die Jury verdient Lob!
Auf Rainer Rothfuß und Eugen Drewermann folgt nun ein politisches Urgestein und ein
unbequemer Mahner, der sich für Frieden und Versöhnung einsetzt.
Welch ein Unterschied zu manchen Friedensnobelpreisträgern!
Vor zehn Jahren erhielt nach nur wenigen Monaten im Amt US-Präsident Barack Obama den Nobelpreis „für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken“.
Vor allem jedoch stärkte er die Zusammenarbeit mit dem Militärisch-Industriellen Komplex:
Krieg gegen Libyen, Krieg gegen Syrien unter Einsatz von sunnitischen Desperados,
Putsch in der Ukraine unter Zuhilfenahme von faschistischen Gruppen.
All diese Aktivitäten haben in den jeweiligen Ländern zu einem permanenten Bürgerkrieg
geführt.
Ganz zu schweigen von den tausenden Drohnenmorden! Folge dieser Kriege waren Millionen von Flüchtlingen. 2015 und 2016 haben die USA jedoch nur wenige Tausend Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen.
Höhepunkt von Obamas „Friedenspolitik“ war dann im Herbst 2014 die Anweisung an die
US-Streitkräfte „Win in a complex world 2020-2040“, in der Russland und China als die
größte Bedrohung der USA dargestellt werden – Krieg eingeschlossen.
Vor 100 Jahren erhielt US-Präsident Woodrow Wilson den Friedensnobelpreis für die
„Vermittlungsbemühungen zur Beendigung des Ersten Weltkriegs“.
Auch seine Bemühungen entpuppten sich als Täuschung.
Ende September 1918 hatte Kaiser Wilhelm II. beschlossen, auf der Basis von Wilsons
„Vierzehn Punkte-Erklärung“ ein Friedensgesuch an die USA zu richten.
In Wilsons Erklärung sollte z.B. eine generelle Neuordnung Europas nach dem Prinzip des
Selbstbestimmungsrechts der Völker durchgeführt werden. Unter Punkt 1 wurden offene,
öffentlich abgeschlossene Friedensverträge gefordert und geheime Abmachungen untersagt.
Doch zwischen 1915 und 1917 waren die Bündnispartner der Entente mit geheimen
Beuteversprechen gebunden worden. So wurden am 26. April 1915 Italien großzügig Südtirol, Triest, Istrien, Dalmatien, Teile Albaniens, Teile Anatoliens sowie zwölf kleinasiatische Inseln versprochen und als koloniale Zugabe noch Libyen.
Um den Papst an der Durchführung von Friedensverhandlungen zu hindern und somit den
Krieg in die Länge ziehen zu können, wurde in den Vertrag auch noch nachfolgende Passage eingebaut:
„Frankreich, Großbritannien und Rußland verpflichten sich zur Unterstützung Italiens, das
den Vertretern des Heiligen Stuhls untersagt, irgendwelche diplomatischen Schritte zu
unternehmen mit dem Ziel des Abschlusses eines Friedens.“
Somit waren Wilsons 14 Punkte insgesamt leider nur eine Mischung aus hohlen
Versprechungen und raffinierten Regelungen, die sich mit den Absichten der Geheimverträge deckten.
Der krönende Abschluss dieser Geheimdiplomatie konnte dann auf den Tag genau fünf Jahre nach den Schüssen von Sarajewo von den Siegern in Versailles gefeiert werden.

„Dieser Vertrag“, so Willy Wimmer in seinem Artikel „2019, einhundert Jahre nach
Versailles, „stand in einem ekelerregenden Gegensatz zu allen Grundsätzen europäischer
Friedensregelungen, zuletzt des „Wiener Kongresses“1815 nach den napoleonischen
Kriegen.“
Den ersten Weltkrieg hat der damalige Erzbischof von New York, Kardinal Farley, bereits
Ende Juli 1914 treffend charakterisiert:
„Der Krieg, der in Vorbereitung ist, wird ein Kampf zwischen dem internationalen Kapital
und den regierenden Dynastien sein. Das Kapital wünscht niemanden über sich zu haben,
kennt keinen Gott oder Herrn und möchte alle Staaten als großes Bankgeschäft regieren
lassen. Ihr Gewinn soll zur alleinigen Richtschnur der Regierenden werden ..Business …
einzig und allein.“
Willy Wimmer kennt dieses Zitat, und er kennt die Vorbereitungen für den ersten Weltkrieg,
die lange vor 1914 begannen.
Die kriegslüsternen Kräfte, so schreibt er, die den Ersten Weltkrieg entfesselt haben, seien
100 Jahre nach Versailles dabei, ihr mörderisches Werk fortzusetzen. Nun droht Russland
stranguliert oder mit Krieg überzogen zu werden.
Am 28. Januar 1919 hielt der Soziologe Max Weber in München den Vortrag „Politik als
Beruf“, in dem er die drei wichtigsten Qualitäten eines Politikers benennt, Qualitäten, über die Willy Wimmer verfügt:

sachliche Leidenschaft – Sachliche Leidenschaft – sehen Sie sich nur die Videos an
Verantwortungsgefühl – Verantwortungsgefühl – denken Sie nur an seine mutige Kritik am Jugoslawienkrieg und distanziertes Augenmaß – erinnern Sie sich an die parteiübergreifende Verfassungsbeschwerde gegen den Einsatz der Tornados in Afghanistan zusammen mit dem Unionskollegen Peter Gauweiler und dem Völkerrechtler der PDS Norman Paech.
Die größte Schwäche für einen Politiker ist nach Weber die Eitelkeit.
Und wenn Willy Wimmer eitel wäre, hätten wir uns nie kennen gelernt .
Am 14. Mai 2010 habe ich Herrn Wimmer wortgewaltig auf dem 2. ökumenischen
Kirchentag in München erlebt. In dem Forum „Frieden stiften – Von der Ächtung des Krieges
zum gerechten Frieden“ geißelte er den Jugoslawienkrieg als ordinären Angriffskrieg.
Am Ende der Veranstaltung wartete draußen schon das Taxi. In diesem kleinen Zeitfenster
konnte ich meine Bitte vortragen und ihm einen DIN A4-Ordner mit meinem Manuskript
„Wiederkehr des Geo-Imperialismus?“ in die Hand drücken.
Obwohl ich weder einen akademischen Grad als Historiker noch Erfahrung in einem
bedeutenden politischen Amt vorweisen konnte, hatte ich zwei Wochen später das Vorwort
von ihm.
Einen Satz möchte ich Ihnen daraus vorlesen:
„eigentlich war es aus …der Fokussierung auf die unglaublichen innerstaatlichen Probleme
als Ergebnisse der Wiedervereinigung für viele Zuhörer fast merkwürdig,
wenn Helmut Kohl die Einheit Europas als die Frage der Abwesenheit von Krieg und der
Hinwendung zum Frieden als die wichtigste Aufgabe für die Zukunft beschrieb“.
Seitdem sind wir in Kontakt – 2014 haben wir schließlich sogar ein gemeinsames Buch
herausgebracht: Wiederkehr der Hasardeure – Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille
Profiteure 1914 und heute.
In seinen Interviews, Artikeln und Büchern besticht Willy Wimmer mit profunden
Geschichtskenntnissen und seiner immensen außenpolitischen Erfahrung;
er kennt und entlarvt die Lücken und Lügen des offiziellen Narrativs und nennt furchtlos Roß und Reiter.
Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: seine Geschichtskenntnisse oder seinen Mut!
Aber zurück zu Max Weber:

Jeder gute Politiker verfolgt höhere, ethisch fundierte Ziele. Weber unterscheidet dabei
zwischen einer Gesinnungs- und einer Verantwortungsethik.
Dem Gesinnungsethiker sind die Konsequenzen seiner Handlung weitgehend egal,
entscheidend sind nur die Normen und Werte.
Der Verantwortungsethiker hingegen achtet vor allem auf die Folgen seiner Handlungen und verstößt schon mal gegen Normen und Werte zugunsten langfristiger humaner Erfolge.
Bei der Gesinnungsethik kann es zu einer rigiden Dogmatisierung kommen und in der Folge
zur Unterdrückung und Verfolgung gerade derjenigen Menschen, die im Sinne einer humanen Zukunft handeln.
In der gegenwärtigen öffentlichen Debatte, sofern sie überhaupt stattfindet, scheint eine
solche rigide Gesinnungsethik vorzuherrschen.
So werden z.B. warnende Stimmen zum Thema Migration als fremdenfeindlich oder
rechtspopulistisch diskreditiert. Damit wird von den selbsternannten
Verteidigern von Freiheit und Toleranz eine dringend notwendige offene und freie
gesellschaftliche Debatte unmöglich gemacht. Der Einsatz für den Frieden,
gegen Militarismus und Krieg war früher einmal eine zutiefst linke Losung. Heute wird
das Grundanliegen vieler Bürger, sich für den Frieden einzusetzen und sich dabei gegen
die unsäglichen Militäreinsätze und unmissverständlich für den klaren Schwerpunkt
Fluchtursachenbekämpfung auszusprechen, als rechts, ja sogar als „Friedensquerfront“
abqualifiziert.
In diesem Sinn schrieb Willy Wimmer zum Tag der deutschen Einheit 2018 den
provozierenden Artikel „Deutschland hält die Luft an: Wer nicht spurt, ist Nazi“
Darin beschreibt er Deutschland als ein Land, „das zu einer Veranstaltung von organisierten
Lobby- und Nichtregierungsorganisations-Interessen verkommen ist, hinter denen oft genug „Verteidigungsministerien befreundeter Staaten“ stehen oder weltweit tätige Magnaten mit einer eigenen Agenda, von der nichts im deutschen Grundgesetz steht.“
Das liberale Bürgertum wird mit der Parole NAZIS-RAUS gegen die eigenen kritischen
Landsleute in Stellung gebracht – da ist man ja auf jeden Fall auf der richtigen Seite und kann in der Komfortzone bleiben. Doch „man kann nicht bequem eigener Meinung sein, es sei denn, sie wäre identisch mit der aller anderen“, schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer.
Die Rechtskeule trifft jeden, der vom offiziellen Narrativ abweicht.
So auch den Schweizer Friedensforscher Daniele Ganser, der hier in Bautzen über „Illegale
Kriege von Iran bis Syrien“ referiert hat und den man inzwischen aus dem Hochschulbereich verbannt hat – was quasi einem Berufsverbot gleichkommt.
Bereits in ihrer Neujahrsansprache 2019 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die deutsche
Bevölkerung auf neue weltpolitische Vorstöße Berlins und eine stärkere Rolle der
Militärpolitik eingestimmt.
In der aktuellen Situation müssten wir "für unsere Überzeugungen wieder stärker einstehen",
auch dafür "kämpfen", erklärte die Kanzlerin.
Deutschland werde die aktuelle Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat nutzen, um "globale Lösungen " voranzutreiben – etwa so wie in Syrien oder Afghanistan?
Gleichzeitig werde die Bundesregierung die Aufrüstung auf nationaler wie auf kontinentaler
Ebene forcieren.
"Wir setzen uns dafür ein“, so die Kanzlerin, „die Europäische Union robuster und
entscheidungsfähiger zu machen."
Das ist Wasser auf die Mühlen von SPD-Außenminister Heiko Maas, der Deutschland durch
dessen zweijährige Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat „noch näher an die Krisen und
Konflikte“ der Gegenwart heranrücken sieht. Seine Aussage „Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen“ verrät den wohlfeilen Glauben an die durch solche Erklärungen selbst
verliehene moralische Überlegenheit.
Ein Vorgänger im Amt, der Grünenpolitiker Joseph Fischer, hat 1999 Deutschland in den
Kosovokrieg gelogen. In seiner Begründung für den ersten Krieg nach 1945 verstieg sich
Fischer zu der Behauptung: „Ich habe nicht nur gelernt, nie wieder Krieg, sondern auch,
nie wieder Auschwitz. Die Bomben sind nötig, um die serbische SS zu stoppen.“
Die Auschwitzüberlebenden Walter Bloch und Peter Gingold überschrieben daraufhin ihren
offenen Brief an Fischer: „Gegen eine neue Auschwitzlüge“.
Willy Wimmer war damals Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE
und konstatierte rückblickend: „Noch nie haben so wenige so viele gründlich belogen wie die verantwortlichen Politiker die Bevölkerung während des Kosovokrieges.“
Seit nunmehr 17 Jahren agiert die Bundeswehr mit Zustimmung des Bundestags in
Afghanistan. Doch wurde jemals im Bundestag nach dem Kriegsgrund gefragt?
G.W. Bush griff 27 Tage nach dem Terroranschlag 9/11 Afghanistan an, obwohl von den 19
mutmaßlichen Attentätern keiner aus Afghanistan, dafür aber 15 aus Saudi-Arabien kamen.
Der Vorwand:
Die Taliban hätten Osama Bin Laden nicht schnell genug ausgeliefert. Das war alles.
Der Bundestag hat ohne wirkliche Aufklärung über die Hintergründe die Zustimmung zum
Einsatz in Afghanistan gegeben und diese immer wieder verlängert.
In Zukunft soll der Bundestag bei solchen Militäreinsätzen gleich gar nicht mehr gefragt
werden.
Lieber Herr Wimmer,
Sie haben sich schon immer fraktionsübergreifend für die unbedingte Beibehaltung des
Parlamentsvorbehalts eingesetzt. Ich wünsche Ihnen und Ihren Mitstreitern, der Abgeordneten der Linken Sevim Dagdelen und dem ehemaligen SPD-Abgeordneten Albrecht Müller jeglichen Erfolg.
Krieg löst keine Probleme, sondern schafft nur neue, wie wir an der Flüchtlingskrise
anschaulich sehen können. Auch der Terror lässt sich militärisch nicht besiegen. Friedens-
und Zukunftsperspektiven können nur entstehen, wenn die vielfältigen Folgen dieser Kriege
in Hinblick auf die Menschen und die Umwelt wahrgenommen werden und Friedensprozesse
auf allen Ebenen belebt werden im Sinne von guter Nachbarschaft und gegenseitiger
Verständigung.
Als präziser Beobachter des politischen Geschehens in Europa sind Sie heute unermüdlich im Sinne des Friedens unterwegs.
Ihre Beobachtungen und langjährigen Erfahrungen, die sie in verschiedenen Ämtern auf
höchster politischer Ebene gesammelt haben, sind in Ihre Bücher eingeflossen:
2014 Wiederkehr der Hasardeure
2016 Die Akte Moskau
2018 Deutschland im Umbruch
In diesem vorläufig letzten Werk stellen sie fest, dass „heute, rund 50 Jahre später, unser Land vor dem demokratischen Ruin steht:
Abschaffung des Sozialstaats, Außerkraftsetzen der Rechtstaatlichkeit und Niedergang des
Parlamentarismus im Allgemeinen, um nur einige der problematischsten Einschnitte zu
nennen. Selbst von der im Grundgesetz verankerten Verteidigungsarmee ist nicht viel
geblieben. Dazu das kollektive Versagen der großen Medien als Kontrollinstanz, als vierte
Gewalt im Staat.
Für alle, denen der Frieden, die Freiheit des Individuums und der Respekt vor dem Anderen
am Herzen liegen, gilt es, dem entgegenzusteuern. Eine demokratische Gesellschaft kann nur blühen, wenn die Respektierung unterschiedlicher politischer Auffassungen Konsens ist. Was wir brauchen, ist nicht Diffamierung und Gesinnungspolizei, sondern Achtung voreinander
und eine sachliche Debatte.
Widersetzen wir uns allen Denk- und Sprechverboten, die uns das freie Wort und das Recht
auf eine eigenständige Analyse der politischen Zustände nehmen wollen: Grundgesetz und
Strafgesetzbuch markieren dabei die Linie, die nicht überschritten werden darf.
Lieber Herr Wimmer,
für mich war unserer Zusammentreffen eine glückliche Fügung.
In den 70er Jahren war ich als junger Hauptmann „Atomarer Wirkungsberater“ und
an vorbereitenden Befehlen für den „Einsatzfall“ beteiligt; in diesem hatte man mir die
Kriegsverwendung als Atomarer Sperrzugführer zugedacht – frontnaher Einsatz der
„Atomic Demolition Munition“ – kurz ADM!
Ich hatte damals schlaflose Nächte und bin 1976 nach 12 Jahren aus der Bundeswehr
ausgeschieden.
Sie sollten 1986 während der NATO-Übung WINTEX als Übungs-Verteidigungsminister im
Regierungsbunker einem Einsatz von Nuklearwaffen gegen Dresden und Potsdam zustimmen.
Ohne zu zögern, verließen Sie den Bunker und informierten Bundeskanzler Helmut Kohl,
der daraufhin entschied, dass sich die Vertreter der Bundesregierung sofort aus der weiteren Übung zurückziehen sollten.
Somit sind wir beide Zeugen der geplanten nuklearen Kriegsführung im Kalten Krieg –
Herr Wimmer ganz oben und ich ganz unten!
Und daraus erklärt sich auch unser leidenschaftlicher Einsatz für den Frieden.
Lieber Herr Wimmer,
spätestens 1999 haben Sie mit Ihrer Brandmarkung des Jugoslawienkriegs als ordinären
Angriffskrieg die politische Komfortzone verlassen und sich nicht nur in Ihrer Partei
unbeliebt gemacht. Seitdem treten Sie, wo Sie können, für eine friedlichere Welt ein,
schwimmen kräftig gegen den Strom und nehmen kein Blatt vor den Mund, wo Schweigen
bequemer wäre.
Dafür gilt Ihnen unsere Bewunderung und unser Dank!
Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu diesem verdienten Preis!

 

 

Rede von Landrat Michael Harig
gehalten als Grußwort zur Verleihung des „Bautzener Friedenspreises“ am 30.01.2019 im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst möchte ich Ihnen danken.

Dafür, dass sie mich eingeladen haben und mir die Gelegenheit geben, ein Grußwort zu sprechen. Aber auch dafür, dass der Kern Ihres Bemühens als Verein, welcher als e. V. nicht – oder vielleicht noch nicht eingetragen ist – einen Anspruch formuliert.

Einen Anspruch, welcher für eine gelingende Gesellschaft,- ja die gesamte Weltgemeinde – geradezu existenziell ist. Es geht um „Frieden“.

Diese Namensgebung – so mutmaße ich – bezieht sich auf die Historie des „Bautzener Frieden“ von 1018. Er umfasst, – und hier meine ich den Namensgrund – eine Geschichte von eintausend und einem Jahr.

Diese Verengung auf Bautzen, auf unsere Region und den genannten Zeitraum, ist jedoch nicht zulässig. Ich glaube, das war und ist von den Gründern aber auch nicht gemeint.

So ziert die Internetseite Ihres Vereins die weltweite, als Friedenssymbol anerkannte Friedenstaube von Pablo Picasso. Letztere wurde von diesem aus Anlass des Weltfriedenskongresses 1949 in Paris entworfen und lithographiert. Sie dient heute als Friedenssymbol weltweit schlechthin.

1949 – vier Jahre nach dem Ende eines zweiten, von unserem Vaterland ausgegangenen Weltkrieges. Eines Weltkrieges, der nahezu alles in den Schatten stellte, was Menschen Menschen antun können.

Im Sinne eines wirklichen Friedens sollten und dürfen wir hier Ursache und Wirkung weder in Frage stellen, noch in Zusammenhänge bringen, die nichts weiter als erneuten Unfrieden hinterlassen.

Und 4 Jahre – ich bin noch bei 1949 – nach dem Ende des besagten Krieges, erfuhr Deutschland eine bzw. seine Teilung. Diese staatsrechtliche Trennung unseres Vaterlandes wirkte in ganz Europa und darüber hinaus und schuf eine östliche und eine westliche Hemisphäre mit aus Stacheldraht gesicherter Trennung.

Noch heute spüren wir die Folgen.

Noch heute zeigen die damit verbundenen, unterschiedlichen Lebensperspektiven und Chancen – auch vieler Nachgeborener – ihre Wirkung.

Aber zurück zum heutigen Anlass:

Auch das Zitat aus dem Römerbrief „MENSCHEN, WEIGERT EUCH FEINDE ZU SEIN!“ – welches die Einladung zur heutigen Preisverleihung ziert, ist für mich Anlass, hier zu sein.

Es bleibt zu wünschen, – dass diese Aufforderung Gehör findet.

Gehör findet über diesen Raum, diese Stadt – dieses Land hinaus.

Ich habe diese Einladung zum Anlass genommen, mir Zeit zu gönnen. Das kommt leider selten vor.

Aber ich habe mir diese gegönnt, um nachzulesen in diesen Römer- Briefen. Und es war eine interessante Lektüre – übrigens im Internet überschrieben mit „HOFFNUNG FÜR ALLE.“

Von gegenseitiger Achtung ist geschrieben, von Nächstenliebe, von Nach- und Einsicht – von Hilfe in der Not und Barmherzigkeit im Sinne des Wortes.

Ich glaube, dass der Zustand unserer heutigen Gesellschaft(en) auch ein Spiegelbild dessen ist, dass der sog. „Mainstream“ diese konfessions- und weltanschauungsübergreifenden Lehren des Buches der Bücher als nicht zeitgemäß und verstaubt ausblendet.

Viele glauben nur das, was sie sehen oder sich einbilden, zu sehen.

Aber was macht wirklichen Frieden aus?: Dazu ein Blick ins Lexikon – oder eben – zeitgemäß – Wikipedia.

Der Begriff Frieden – oder „der Friede“ – kommt aus dem althochdeutschen FRIDU. Das heißt so viel wie „SCHONUNG oder FREUNDSCHAFT.

Es definiert den heilsamen Zustand der STILLE oder der RUHE.

Es geht also um die Abwesenheit von STÖRUNGEN oder BEUNRUHIGUNGEN – besonders aber um die Abwesenheit von Krieg.

Von 1990-2001 war ich Bürgermeister der Gemeinde Sohland an der Spree. Sohland unterhält eine Partnerschaft zur italienischen Gemeinde Rocca- Priora – auf einer der Anhöhen nahe Roms. Der dortige Bürgermeister war im Hauptberuf Chefarzt im Klinikum des Vatikans.

So hatte ich 1998 die Gelegenheit, Johannes Paul II persönlich zu treffen und mit ihm nahezu eine halbe Stunde zu diskutieren. Das war aufregend, wie Sie sich sicher denken können, – zumal ich selbst Protestant bin. Er äußerte unter anderem, dass Krieg nicht nur die Abwesenheit von Frieden – sondern vor allem von Gott sei.

In meiner damals noch jugendlichen Unbekümmertheit entgegnete ich, dass doch Gott nach gängigem Glauben allgegenwärtig ist. Dies bejahte er – verwies aber darauf, dass wir im christlichen Verständnis in einer besonderen Beziehung zu dieser höheren Intelligenz stehen.

Wenn die Menschen sich nur bemühen würden, die 10 Gebote – die an sie persönlich gerichtet sind – einzuhalten, dann gäbe es keine Zwietracht,- keinen Krieg.

Eines dieser Gebote befasst sich eben auch mit der Aufforderung: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden…“ usw. Vielfach gründet Unverständnis auf Missverständnis – werden Konflikte provoziert, indem bewusst falsche oder überzogene Nachrichten in Umlauf gebracht werden. So werden heute unter anderem auch Wahlen beeinflusst.

Es stellt sich also permanent die Frage: Was ist falsch – was ist richtig?

Frieden, meine sehr verehrten Damen und Herren, kommt ohne Freiheit nicht aus. Nur freie Menschen sind zum wahren Frieden fähig.

Unter Freiheit wird landläufig verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Aber Freiheit ist mehr. Besonders die hier vor mehr als 30 Jahren Geborenen wissen, was ich meine.

Frieden und Freiheit benötigt deshalb günstige Umstände, Verantwortung und demokratische Strukturen. Denn die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Befindlichkeit des Anderen beginnt.

Also dort, wo die Ausübung derselben bei anderen keine STÖRUNG oder BEUNRUHIGUNG auslöst.

Ohne gelebte Verantwortung hat weder Frieden noch Freiheit eine Chance. Das gilt individuell ebenso wie gesellschaftlich.

Aber wir müssen leider feststellen, dass sich der Terminus Verantwortung – Eigenverantwortung aus unserem Sprachgebrauch leider langsam auszuschleichen scheint.

Vor wenigen Tagen konnte ich in Dresden einen Vortrag des Vorsitzenden der deutschen, katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Marx miterleben. Dieser stand unter der Überschrift: „Bewegte Freiheit“.

Bezeichnenderweise fand das Ganze im Atrium des Dresdner Verkehrsmuseums statt. Eine gewisse Doppeldeutigkeit lag also im Raum.

Der Vortrag hatte 4 Jahreszahlen als Rahmen.

1919 – 1949 – 1989 – und eben das laufende Jahr 2019.

Es würde die Zeit sprengen näher darauf einzugehen.

Nur so viel aus diesen äußerst beachtlichen Denkansätzen:

1919: Die Weimarer Verfassung – der Beginn eines demokratischen Parlamentarismus in Deutschland – auch die Begründung des Frauenwahlrechtes. In diesem Zusammenhang auch und besonders, dass eine Demokratie mit den bekannten Konsequenzen scheitern kann.

1949: Die Gründung zweier deutscher Staaten als Folge des Scheiterns von Demokratie, Vernunft und Menschlichkeit. Ein Scheitern als Folge kollektiven Unfriedens.

1989: Die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes als eine der Sternstunden unserer Geschichte,- aber auch die Erkenntnis, dass damit verbundene Hoffnungen sich nur partiell erfüllt haben.

So ist die Hoffnung, dass nun der Kalte Krieg der Systeme überwunden sei – spätestens seit der Balkankriege der frühen 90er Jahre – zerplatzt wie eine Seifenbase.

Gleichwohl ist, auf Deutschland bezogen, so viel erreicht worden, dessen wir uns im Alltag viel zu wenig bewusst werden.

Und schließlich 2019 – die Gegenwart.

Wir stehen an einem Scheidepunkt – und uns selbst, durch Wohlstand und einem um sich greifenden Individualismus – oft im Wege.

Ein Individualismus der oft das ICH überhöht und das WIR übergeht.

Das Positive an unserer Gegenwart ist jedoch, dass Frieden und die Grundlagen für einen solchen wieder intensiver diskutiert werden.

Und das ist das Bemerkenswerte an dieser Situation.

Sie tragen zu dieser Diskussion bei – wenn auch nicht immer unumstritten – aber auch das ist wichtig und Wesen einer pluralen Gesellschaft.

So wurde ich von Medienvertretern gefragt (nicht von örtlichen), ob und warum ich Ihre Einladung zur Verleihung der Friedenspreise annehme.

Auch, ob das Theater Schaden nehmen könnte durch Veranstaltungen wie diese.

Ich möchte darauf weiter nicht eingehen – fühle mich aber an Zeiten meiner Jugend erinnert. Wegen der Nichtteilnahme an FDJ und Jugendweihe,- also dem Vertreten einer anderen Position wurde mir unterstellt, nicht friedfertig, nicht achtungswürdig zu sein.

Als Konsequenz wurde mir der Zugang zu erweiterten Schulbildung verwehrt, und damit auf ein selbstbestimmbares Leben durch ein staatlich verordnetes Verweigern von Lebenschancen.

Ohne Wiedervereinigung, ohne Freiheit und Demokratie – ohne wirklichen Frieden in diesem, unserem Lande – wäre mein Leben anders verlaufen.

Ja – es gibt diese Diskussionen erneut – auch um das Zustandekommens Ihres Vereins.

Wenn aber Frieden im Sinne des Wortes – der Demokratie, der Vergebung und Aussöhnung, der Nächstenliebe und der Menschenwürde, der Verantwortung und der positiven Fortentwicklung dieser, unserer Gesellschaft, im Kleinen wie im Großen – weiterhin das Ziel Ihrer Gemeinschaft ist, dann bin ich persönlich immer wieder gern dabei.

Ich gratuliere schon jetzt Herrn Wimmer und dem Verein Leuchtturm-Majak e. V. zum Bautzener Friedenspreis.

Respekt und Anerkennung für die Lebensleistung an Sie Herr Wimmer. Sie könnten es sich mit Ihrer Pension bequem und ruhig machen.

Sie haben sich für das Gegenteil entschieden.

Sie bringen sich ein, Sie mischen sich ein; in eine Diskussion, die erforderlich ist, um Freiheit, Demokratie und damit Frieden zu erhalten.

Man muss nicht alle Ihre Ansichten teilen – aber darum geht es nicht.

Es geht um das vorgenannte Ziel „Frieden“- und die Wege dorthin.

Gleiches gilt für unseren Verein Leuchtturm Majak.

Sie verschaffen mit Ihren Angeboten vielen Menschen Ankerpunkte, Beratung und Heimat. Heimat, die für viele sog. „Russlanddeutsche“ sowie andere Zugewanderten und Migranten unter uns notwendig ist. Notwendig, um zumeist seelische Not, die mit Neuanfängen einer erstmaligen Fremde nicht selten verbunden ist, zu wenden. Zu wenden in Zuversicht und auch Geborgenheit, neue Heimat als Grundlage für Lebensleistungen, die erfüllen.

Jeden individuell und uns als Gemeinschaft.

Nochmals Dank den Organisatoren und uns gemeinsam einen schönen Abend im Sinne von Frieden, – von Einigkeit,- und Recht und Freiheit!

Hier bei uns in Deutschland – und in der gesamten Welt!

 

 

zur Webseite des Vereins  Bautzner Frieden

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